Der Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom
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Es gab Ausgaben, die nach dem 14. Kap. endeten (z.B. Markion). Sie
sind zwar nicht mehr erhalten, aber nach Kirchenväterangaben dem Origenes
bekannt. Auch andere Kirchenväter zitieren nie aus Kap.15/16. Doch
dürften diese Handschriften eher auf eine defekten Archetypus
als auf eine bewusste Streichung zurückgehen. 15,1-16,23 sind unzweifelhaft
paulinisch.
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Fehlende Adresse des Römerbriefes (1,7) in G (9.Jhdt, von irischen
Mönchen geschrieben). Auch bei Origenes Ausgabe ohne Adresse. Ging
eine Ausgabe ursprünglich nach Ephesus?
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Doxologie 16,25-27 nach Meinung einiger Exegeten nicht auf Paulus
zurückzuführen (ungewöhnlich viele für Paulus untypische
Ausdrücke). Einige Handschriften enthalten jedoch Doxologie nicht,
andere an je verschiedenen Stellen (hinter Kap.14; hinter Kap.15; am Ende;
an mehreren Stellen doppelt). Die Doxologie könnte der redaktionelle
Versuch sein, einen beschädigten Archetyp (Ende bei Kap. 14) mit einem
Schluss zu versehen.
Alle verschiedenen Varianten wurden dann durch Konflation zu fast allen
erdenklichen Möglichkeiten kombiniert.
| 2. Literarkritische Fragen |
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Literarkritische Probleme gibt es v. a. am Briefende: Kap.16
stellt eine einzigartig lange Grußliste dar. Im 18.Jhdt entstand
die These, dass diese Grußliste zu einem Briefexemplar für die
Gemeinde in Ephesus gehörte (verbunden m. d. anschriftlosen
Handschrift). Kap.16 wäre demnach abzutrennen. Dafür spricht:
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Unwahrscheinlich, dass Paulus so viele Menschen in einer fremden Gemeinde
kennt; in Ephesus könnte er durch seinen langen Aufenthalt so viele
Menschen kennen.
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Die einzig Bekannten (Priska und Aquila - 16,3) sind nach Act.18,18f mit
Paulus nach Ephesus gegangen.
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Epänetus (16,5) als Erstling der Provinz Asia angesprochen.
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Scharfer und autoritärer Ton von 16,17-20 sind eher in der bekannten
Gemeinde Ephesus als in Rom verständlich.
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15,33 ist eigentlich ein sinnvoller Briefschluss (P46 hat Doxologie 16,25-27
nach 15,33).
Dagegen spricht allerdings:
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Vielleicht kennt Paulus so viele Menschen in Rom, weil diese nach Aufhebung
des Claudius-Edikts nach Rom zurückgekehrt waren (dafür jedoch
kein Zeugnis).
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Die Strenge von 16,17-20 ist als formelhaftes Element am Briefschluss verstehbar.
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Briefschluss mit Segenswunsch (15,33) ist für Paulus untypisch.
Es wäre auch denkbar, dass in 16,1-23 der Briefschluss des Briefes
nach Ephesus überliefert ist, aus dem Teile (z.B. 16,21-23) aber auch
nach Rom gingen.
Paulus greift wahrscheinlich auf einige Traditionsstücke
zurück:
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1,3f Christolog. Formel
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3,25f Jesus Christus als last»rion
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4,45: Hingegeben wegen unserer Verfehlungen, auferweckt wegen unserer Gerechtmachung.
An der Echtheit des Römerbriefes ist nicht zu zweifeln
Über den Adressaten, die Gemeinde in Rom, ist wenig bekannt. Es
lässt sich lediglich sagen:
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Sie wurde wohl schon in den 40er Jahren gegründet - beim Claudius-Edikt
(49) war sie bereits vorhanden, wie die Vertreibung von Priska und Aquila
zeigen. Über ihre Gründer ist nichts bekannt, sicher war es jedoch
nicht Petrus. Er kam (wenn überhaupt) erst später nach Rom.
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ein Teil ist jüd. Herkunft (4,1; 7,1) - die meisten sind
Nicht-Juden (1,5+13; 9,3ff; 10,1). Die Annahme, mit den Starken von
Kap.14f meine Paulus die Heidenchristen, ist zwar möglich, lässt
sich aber im Blick auf 1.Kor.8-10 entkräften. Wie bei der Rechtfertigungslehre
geht Paulus wohl auch hier auf theoretisch mögliche Argumente gegen
seine Lehre ein (v.a. in Hinblick auf einen möglichen Konflikt mit
den Juden).
Röm. ist der einzigste Brief an eine nicht von Paulus selbst gegründete
Gemeinde (-> Führt zu stärker dialogischem Stil - Diatribe).
| 4. Abfassungsort und - zeit |
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Über Ort und Zeit der Abfassung ist aus 15,25f zu entnehmen, dass
Paulus vor seiner Reise nach Jerusalem steht, in der er die Kollekte überbringen
will. Nach 15,23 sieht Paulus seine Arbeit im Osten als beendet an. Diese
Situation ist auch Act.20,2ff gegeben. Dort wird berichtet, dass Paulus
3 Monate in Korinth blieb, um dann die Reise nach Palästina aufzunehmen.
Röm. ist folglich zw. 55/56 und 57/58 (zu den Daten vgl. Die
Biographie des Paulus) in Korinth geschrieben.
Über der Anlass zur Abfassung gibt es verschiedene Thesen:
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Röm. gehört zur urchristl. Publizistik. Der Brief ging
nicht nur an die röm. Gemeinde, sondern von Anfang an auch an andere
wichtige Missionszentren des Paulus (s.o.). Paulus will damit zur Klärung
und Festigung seiner Verkündigung beitragen. Einen aktuellen Anlaß
gab es kaum. Kümmel spricht von Röm. als Selbstbekenntnis des
Paulus.
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Röm. ist eine Stück Reisevorbereitung. Paulus schließt
seine Tätigkeit im Osten ab, steht vor seiner Jerusalemreise, deren
Ausgang ungewiss ist, und will dann weiter nach Spanien, wozu er die Unterstützung
der röm. Gemeinde braucht (15,24ff). Durch den Brief will er sich
in Rom vorstellen und dort zugleich Befürchtungen zerstreuen:
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Ich belaste die Gemeinde nicht durch Eskalation innergemeindlicher Spannungen
(Starke/Schwache - 14,1-15,13).
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Ich stehe nicht bedingungslos auf Seiten der Heidenchristen, die nach dem
Claudius-Edikt wohl dominieren (Röm.9-11)
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Ich bemühe mich um ein positives Verhältnis zu den Juden.
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Ich bin (unüberbietbar) loyal gegenüber dem Staat (Röm.13).
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Röm. als theologisches Testament des Paulus (Bornkamm). Polemische
Äußerungen werden unpolemisch wiederholt oder korrigiert:
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Korrektur antijudaistischer Aussagen (Röm.11 -> 1.Th.2,14-16: Juden
gilt Gottes Gnadenzusage, nicht Gottes Zorn).
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War Paulus im antiochen. Konflikt kompromisslos für die Freiheit von
Speisegeboten, so plädiert er jetzt für die Anpassung der Freien
(Starken) an die Schwachen (Röm.14f/1.Kor.8-10 -> Gal.2,11ff).
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Die Apologie des Gesetzes Röm.7,7ff korrigiert die negativen Wertungen
des Gesetzes in Gal.3
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Die singularische Deutung des "Nachkommens Abrahams" in Gal.3,16 wird Röm.4,17ff
pluralisch korrigiert (vgl. 9,6ff).
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Glossolalie wird als unaussprechliches Seufzen (8,26ff) ge genüber
1.Kor.12-14 positiver gewertet.
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In 1.Kor.1,18f bekämpft Paulus mit seiner Kreuzestheologie jede weisheitliche
theologia naturalis; in Röm.1,18ff setzt er sie dagegen als Argument
für die allgemeine Schuldverfallenheit voraus.
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Der Leib-Christi-Gedanke dient in 1.Kor.12,12ff polemisch zur Eindämmung
der Ansprüche weniger Pneumatiker; in Röm.12,12ff wird unpolemisch
jedem ein Charisma zugesprochen.
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Röm. ist Dokument persönlicher Identitätsfindung
(Theißen). Paulus hatte durch seine Bekehrung einen schroffen Bruch
erfahren, war aber zeitlebens von dem angezogen, wogegen er sich entschieden
hatte ("Nachentscheidungskonflikt"). Auseinandersetzungen mit judaistischen
oder enthusiastischen Gegnern sind bei Paulus immer auch Auseinandersetzungen
mit sich selbst. Mit Hilfe einer systematischen Ausformulierung seiner
Gedanken wahrt Paulus seine Identität zw. Juden und Heiden, Judaisten
und Enthusiasten.
Röm. ist wohl in der Mitte des Spannungsfelds zw. Reisevorbereitung,
aktueller Polemik bzw. Apologie und grundsätzlicher Zusammenfassung
der
eigenen Theologie zu sehen.
Dem entspricht auch, dass Röm. besonders die dialogischen Elemente
des Diatribenstils zeigt. Auf weite Strecken ist er oft eher theologisches
Traktat als Brief (z.B. im Vergleich mit Gal., wo die gleiche Thematik
behandelt wird). Röm. ist folglich viel theoretischer als Gal. und
1./2.Kor.
Röm. 2,1ff wehrt sich Paulus gegen den "Kritiker", der meint vor
Gott bestehen zu können. 3,1ff und 6,1ff wehrt er sich gegen Angriffe
a. s. Rechtfertigungslehre. Unsicher ist, ob hier echte od. fiktive Kritik
aufgegriffen wird. Dazu verschiedene Positionen:
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Paulus gibt seine Diskussion mit den Juden wieder.
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Paulus steht in Diskussion mit dem Judenchristentum, das am Gesetz festhalten
will.
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Paulus argumentiert gegen Libertinismus. Er wehrt sich dagegen als Antinomist
zu gelten, weist antijüdische Polemik zurück (3,1f) u. betont
d. ethischen Konsequenzen d. Taufe (6,1ff).
Alle drei Hypothesen nehmen einen zu konkreten Anlass an. Dabei wird verkannt,
dass Paulus sich hier grundsätzlicher als in seinen anderen Briefen
äußert. Dabei geht sicher die Erfahrung von früheren Auseinandersetzungen
mit ein. Paulus will also in die ihn nicht kennenden Gemeinde aufkommende
Kritik vorwegnehmend entkräften.
Die Gliederung ist sehr klar und Übersichtlich. Lediglich ist umstritten,
ob besser 1,18-4,25/5-8 oder 1,18-5,21/6-8 gegliedert werden sollte. Conzelmann
spricht sich gegen eine Gliederung des ersten Teiles 1-8 in 1-5 Rechtfertigung
und 6-8 Heiligung aus, da dieses Schema unpaulinisch und nachreformatorisch
ist und in 4,25 der entscheidende Einschnitt sei. Gegen eine solche Gliederung
spricht jedoch nach Theißen:
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Parallelität der Blöcke 1,18-3,20 und 3,21-5,21 (vgl.1,19 und
3,21; Abfolge Gegenwart - Zukunft).
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Röm.6-8 und 9-11 greifen jeweils Fragen aus 3,1-8 auf und beantworten
sie Grundsätzlich.
Ein Neuansatz liegt deshalb in 6,1ff und 9,1ff. Jedoch sind weder
6-8 noch 9-11 aus dem Gesamtzusammenhang herauslösbar.
Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arbeitsbuch
zum Neuen Testament, S.242-250; W.G.Kümmel,
Einleitung in das Neue Testament, S.266-279; Vorlesungsmitschrift G.Theißen,
Römerbrief, WS 85/86.
Copyright: Matthias Kreplin, 2000
