Der 2. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth
| 1. Literarkritische Fragen und Abfassungsanlässe
des Textes |
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Die literarkritische Probleme sind vielfältig, da es eine Reihe
von Spannungen und Uneinheitlichkeiten gibt:
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Bruch zwischen 2,13 (Rückblick auf Krise) und 2,14ff (Konflikt steht
wohl noch bevor). 7,5 setzt offensichtlich den Reisebericht von
2,12f fort. => 2,14 - 7,4 evt. eingefügter Teil eines anderen Briefes.
Doch dagegen wendet Berger ein: "Nach antiker Manier werden statt eines
Reiseberichts Reflexionen zwischengeschaltet; an deren Ende ist der Reisende
dann an seinem Bestimmungsort angekommen" (Bibelkunde, 382).
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Kap.8 und 9 behandeln beide das Thema Kollekte, ohne aufeinander
Bezug zu nehmen. Beide Kapitel setzen abrupt ein. Die genannten Vorbilder
sind nur jeweils umgekehrt (Mazedonien als Vorbild für Achaia und
umgekehrt). Gehören also die beiden Kapitel zu verschiedenen Briefen?
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Kap.10-13 heben sich in sich von Vorherigem ab. Sie setzen abrupt
ein, sind in sich geschlossen, und passen nicht zu der Versöhnung,
wie sie in 7,5-16 berichtet wird.
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6,14-7,1 unterbrechen den guten Zshg. zw. 6,13 und 7,2 mit einem
völlig anderen Thema (Verkehr mit Ungläubigen), ein Zshg. ist
schwer zu erkennen.
Die literarkritischen Probleme sind nur zu lösen, wenn eine
Rekonstruktion
der Vorgeschichte des Briefes bzw. der Briefe gelingt. Da Act.20,1-3
nur kurz einen Besuch des Paulus in Korinth nach seinem langen Aufenthalt
in Ephesus erwähnt, sind die Angaben aus 1. und 2.Kor auszuwerten:
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Von Ephesus aus sandte Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus nach Korinth
(1.Kor.4,17; 16,10). Nach dessen Abreise kam wohl eine Delegation um Stephanas
aus Korinth zu Paulus nach Ephesus. Paulus schrieb 1.Kor. und schickte
ihn mit der Delegation nach Korinth (vgl. Der erste
Korintherbrief).
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Nach 2.Kor.1,8ff; 2,12f; 7,5 (und 9,2?) beendete Paulus seinen Aufenthalt
in Ephesus (wo er mit knapper Not großer Lebensgefahr entkommen war
- 1,8f; 4,10f) und zog über Troas nach Mazedonien. Dies entspricht
Act.20,1f und 1.Kor.16,5-7 und geschah wohl im Frühherbst 54 oder
55 (Nach Act.20,3 geht er dann zum zweiten Mal nach Korinth).
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2.Kor.12,14 und 13,1 setzen aber voraus, dass Paulus bereits zweimal in
Korinth gewesen ist. Sein zweiter, schon zurückliegender Besuch war
im Zeichen der Spannungen zwischen ihm und der Gemeinde gestanden. Bei
seiner Anwesenheit hatte Paulus gedroht, wenn er wiederkomme, werde er
keine Schonung mehr üben (13,2+10; 12,20f; vgl.1,23). Es steht also
sein dritter Besuch bevor.
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Dieser zweite Besuch kann nicht vor 1.Kor stattgefunden haben, denn dort
"deutet nichts auf eine derartige Spannung; da redet Paulus durchweg in
der Erwartung, dass sie unbedingt auf ihn hört" (Kümmel, 244).
Also geschieht der zweite Besuch, der, weil er zwischen 1.Kor und 2.Kor
liegt, auch Zwischenbesuch genannt wird, von Ephesus aus. Offensichtlich
kehrt Paulus aus Korinth wieder nach Ephesus zurück, so dass Act.
diesen Zwischenbesuch übergehen kann.
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2.Kor.1,15f spricht Paulus von einem aufgegebenen Plan, ein zweites Mal
zu den Korinthern zu kommen, damit sie Gnade erführen, von ihnen nach
Mazedonien weiterzureisen und von dort aus wieder nach Korinth zurückzukehren.
Unklar ist hier, ob
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Paulus hier einen geplanten dritten Besuch meint (der zweite Besuch war
ja kein gnadenvoller), diesen aber gar nicht antrat und stattdessen über
Mazedonien nach Korinth reiste.
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Paulus damit seinen zweiten Besuch, also den Zwischenbesuch meint, die
Ausführung seines Planes also anfing, dann aber doch nicht weiter
nach Mazedonien reiste (sondern wohl zurück nach Ephesus).
In beiden Fällen begründet Paulus aber, warum er nach seinem
Zwischenbesuch nicht wieder gleich nach Korinth kam (er wollte die Gemeinde
schonen), sondern erst noch einige Zeit abwarten wollte.
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Stattdessen schrieb er nach 2.Kor.3 einen Brief, den sog.
Tränenbrief
(auch
Zwischenbrief genannt) an die Korinther. Damit kann also nicht 1.Kor.
gemeint sein. Denn nach 2,1-4 wurde der Tränenbrief sicher
nach
dem Zwischenbesuch geschrieben. Paulus hatte in diesem Brief die Bestrafung
des ¢dik»saj gefordert (7,12), der
Brief stand gehört also in die Zeit der ärgsten Spannung zwischen
Paulus und der korinthischen Gemeinde.
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Der Überbringer des Tränenbriefes war allem Anschein nach Titus
(7,5ff).
Denn diesem begegnet Paulus endlich (nachdem Paulus in Troas vergeblich
gewartet hatte) wieder in Mazedonien und erfährt die Nachricht, dass
die Korinther durch den Tränenbrief zu einer Aussöhnung mit
Paulus bereit wären (7,6-8).
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Jetzt kann Paulus also voll Hoffnung von Mazedonien aus nach Korinth reisen.
Voraus schickt er evt. noch einmal Timotheus (2.Kor.8.17) mit (einem Teil
des) 2.Kor.
(Der jüngste Teil von) 2.Kor. wurde folglich von Paulus in Mazedonien
verfasst, Act.20,1ff etwa ein halbes Jahr nachdem er Ephesus verlassen
hatte, also wohl im Spätherbst 54 oder 55. Dass zw. beiden
Briefen eine Zeit von eineinhalb Jahren liegt, ist eher unwahrscheinlich.
Auf diesem Hintergrund sind nun die literarkritischen Thesen zu beurteilen.
Dass eine redaktionelle Bearbeitung vorgenommen wurde, lässt sich
daran erkennen, dass in 8,18+22; 9,3 (vgl. 9,5) und 12,18 Namen gestrichen
wurden. "Ganz offensichtlich haben die Herausgeber des 2.Kor ein Interesse
daran gehabt, den oder die hier ursprüngl. genannten Namen zu unterdrücken"
(Conzelm./Lindem, 240).
Literarkritische Hypothesen
gibt es vielfältige:
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Rekonstruktion zweier Briefe:
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Aufgrund der obigen Beobachtungen treten v.a. 1,1-2,13/7,5-16 und 10-13
miteinander in Konkurrenz: Während im ersten Teil Paulus seine Freude
darüber zum Ausdruck bringt, dass der Streit mit der Gemeinde beigelegt
ist, setzt er 10,1 mit scharfen Angriffen wieder neu ein. Allerdings setzen
beide Abschnitte die Rückkehr des Titus voraus (2.Kor.7,6-8; 12,18).
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Der Einschub 2,14-7,4 wird oft mit dem Tränenbrief identifiziert.
Dass es sich um ein Brieffragment, dem lediglich Präskript und Briefschluss
fehlen, handeln könnte, legt der Einsatz 2,14 nahe, der das Proömium
dieses Briefes darstellen könnte.
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Von der Grundtendenz ist dem Fragment 2,14-7,4 durchaus die Kap.10-13 zuzuordnen.
Lediglich 12,18 widerspricht dem. Allerdings könnte 12,18 evt. auch
geschrieben sein, bevor Titus wieder zu Paulus zurückgekehrt ist (12,17
und 18b wären dann Rückblicke auf frühere Besuche; Paulus
blickt auf die Absendung des Briefes aus der Perspektive der Ankunft zurück).
So ergäbe sich sich ein Brief-Fragment aus 2,14-7,4 und 10-13
(Allerdings gehen einige Forscher auch von 2 Zwischenbriefen aus).
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Die beiden Kollektenkapitel 8 und 9 sind dann sinnvollerweise jeweils
einem Brief zuzuordnen (aber auch ihre Unabhängigkeit wird vertreten).
Allerdings scheinen beide Kapitel eher zu dem späteren Brief zu passen,
der das Treffen von Paulus und Titus in Mezedonien bereits voraussetzt.
Dafür sprechen:
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8,1 wie 9,2 setzen Kontakt des Paulus zu den Mazedoniern voraus.
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Der friedvolle und versöhnliche Ton in beiden Kapiteln. Am ehesten
wäre noch Kap.8 dem Tränenbrief zuzuordnen, da dort die Stellung
des Titus legitimiert wird. Bei seinem zweiten Besuch wäre das wohl
weniger nötig. Doch kann Paulus jetzt Titus auch zum Einsammeln der
Kollekte ermächtigen.
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Verbindet man alle Beobachtungen so ergeben sich zwei Briefe:
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1,1-2,13 / 7,5-16 / 8+9
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2,14-7,4 / 10-13
Bei der Zusammenstellung wäre je ein Präskript und ein Postskript
herausgestrichen worden, um aus den beiden Briefen einen Brief zu machen.
Der Abschnitt 6,14-7,1 wäre wohl als ein sekundärer Einschub
(in den Tränenbrief oder die fertige Zusammenstellung) anzusehen.
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Ed.Lohse rekonstruiert folgende Brieffragmente, bei denen er die einzelnen
Teile von 2.Kor. fast alle zu selbständigen Briefen erklärt,
die später zu einer Briefkomposition zusammengefügt wurden:
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2,14-7,4 schreibt Paulus nach Korinth, nachder er die Gemeinde verlassen
hatte (evt. noch vor 1.Kor), als ausführliche Apologie seines apostolischen
Amtes. Dieser Brief ist noch relativ neutral gehalten.
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Danach hat sich das gegenseitige Verhältnis (evt. auf Grund von 1.Kor)
erheblich verschlechtert, ohne dass Paulus durch einen kurzen Besuch (der
sog. Zwischenbesuch) etwas daran ändern konnte.
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Daraus erklärt sich die scharfe Tonart von 2.Kor.10-13, dem nächsten
Brief. Dieser wäre als Tränenbrief zu identifizieren.
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Dies wird ein Einlenken der Gemeinde hervorgerufen haben, auf das Paulus
mit einem versöhnlichen Brief antwortet. Zu diesem Brief rechnet
Lohse 2.Kor.1,1-2,13; 7,5-16; Kap.8 und den Schluss 13,11-13.
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Kap.9 sieht Lohse als Teil eines weiteren selbständigen Briefes
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Von Kümmel, einem Verteidiger der Einheitlichkeit des Briefes,
wird die Frage aufgeworfen, "ob sich ein überzeugendes Motiv für
die Zusammenfügung der vermuteten zwei oder drei Briefteile zu
dem überlieferten 2.Kor finden lässt" (Kümmel, 254). V.a.
müsste erklärt werden, warum eine korinthische Gemeinde gerade
die unversöhnlich gehaltenen Kapitel 10-13 an den Schluss stellt.
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Bornkamm weist hier auf die literarische Konvention hin, dass am Briefende
oft Warnungen vor Irrlehrern begegnen, doch dies ist nicht sehr überzeugend.
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Lohse erklärt die Zusammenstellung verschiedener Fragmente mit dem
Zief, Vorlagen für die verlesung im Gottesdienst zu gewinnen.
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Kümmel erklärt die Brüche im Text damit, dass Paulus den
Brief mit Unterbrechungen diktiert habe. Versöhnliche und spannungsgeladene
Teile sind durchaus miteinander zu verbinden: "Durch alle Freude klingt
aber (...) immer wieder durch, dass ihm noch vieles für die Gemeinde
zu wünschen übrig bleibt (vgl. z.B. 1,14).
Ergebnis: 2.Kor. ist wohl als Briefkomposition zu verstehen. Die
Vorgeschichte und der Abfassungsanlass der einzelnen Fragmente lässt
sich nicht mehr eindeutig klären. Der Brief gibt Zeugnis von einer
sich mehrfach verändernden Beziehung zwischen Paulus und der Gemeinde
in Korinth.
Die Gegner, die Paulus in den verschiedenen Passagen des Briefes angreift
oder kritisiert, sind verschiedene:
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Nach 2,1-5; 12,21 und 13,2 hat Paulus bei seinem Zwischenbesuch Trauer
empfinden müssen über Gemeindeglieder und deren unsittliches
Leben.
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Ferner kam es wohl zu einem Zwischenfall, bei dem ein Gemeindeglied dem
Paulus persönlich Unrecht getan hat (2,5ff; 7,12 ¢dik»saj).
Gegen eine Gleichsetzung dieses Übeltäters mit dem Blutschänder
von 1.Kor.5,1ff spricht die Milde, mit der Paulus sich nun ihm gegenüber
verhält. Welcher Art das Unrecht war bleibt im Dunkel (Der Vorwurf,
Paulus habe Kollektengelder veruntreut, ist aus der Luft gegriffen und
lässt sich nicht beweisen).
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Seit der Abfassung des 1.Kor. scheint sich in Korinth auch die Polemik
gegen Paulus verschärft zu haben. Paulus muss sich nun permanent
mit Angriffen gegen seine Person auseinandersetzen (Lange Liste bei Kümmel,
246). V.a. treten Vorwürfe wegen seiner schwächlichen Erscheinung
(10,1+10f) und der Vergleich mit den Leuten, die Paulus "Überapostel"
nennt (11,5) hervor. Hier geht es also nicht mehr nur um Differenzen in
der Lehre, sondern um die Berechtigung des paulinischen Apostolats.
Paulus polemisiert selbst nun speziell gegen gewisse Gemeindeglieder, die
ihn in der Gemeinde angegriffen haben: Eine Gruppe, die sich bezahlen lässt
(2,17; 11,20) und durch Empfehlungsbriefe Eingang in die Gemeinde gefunden
hat (3,1) und sich nun selbst rühmt (10,12+18; 5,12; 11,12). Sie beanspruchen
das Apostelamt, das sie dem Paulus bestreiten (11,5+13; 12,11), und berufen
sich auf ihre jüdische Abstammung (11,22). Ferner berufen sie sich
auf ihre ekstatischen Erfahrungen (12,1ff). Paulus wirft ihnen vor, einen
anderen Christus und ein anderes Evangelium zu verkünden (11,4) und
nennt sie Diener des Satans (11,13-15). Diese Gruppe mit Judaisten zu identifizieren,
wie sie in Galatien auftraten, ist unbegründet, denn es findet sich
kaum eine Auseinanderset zung mit dem Thema Gesetz. Wohl begründen
diese Leute ihre Apostelwürde durch ihre palästinische Herkunft
(so wohl `Ebra‹oi 11,22 zu verstehen), doch über
eine Rückendeckung durch Jerusalemer Apostel verlautet nichts. Vielleicht
kannten sie noch den irdischen Jesus (5,16; 11,4?). Inwiefern diese neuen
Gegner des Paulus mit der alten enthusiastischen Opposition zusammenarbeiten,
die aus 1.Kor bekannt ist, lässt sich nicht erkennen.
| 3. Gliederung des Briefes in der
vorliegenden Fassung |
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Eine Gliederung des Briefes ist nur im Groben möglich:
1-7 Apologie des Apostelamtes
8+9 Kollektenfrage
10-13 Scharfe Warnungen und Verteidigung (darin die Narrenrede)
Thematisch geht es v.a. um das paulinische Apostelamt und
seine paradoxe "Herrlichkeit", womit Paulus versucht, sich gegen die
verschiedensten Vorwürfe zu wehren. Paulus lehnt es dabei ab, seine
Stellung und Position auf seine Fähigkeiten und Leistungen zurückzuführen.
So kommt es in seiner Verteidigung zum paradoxen Selbstlob (sog. Narrenrede
11,16ff), in der v.a. der "Peristasenkatalog" (11,23-27; vgl. auch
2.Kor.6,4-10; (4,8-10); 1.Kor.4,10-13) eine wichtige Rolle hat. In allem
kommt Paulus immer wieder auf einen Grundgedanken zurück: Sein Leben
und seine Arbeit vollzieht sich unter dem Vorzeichen, dass die Kraft des
Herrn in der Schwachheit vollendet wird (12,9).
Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arbeitsbuch
zum Neuen Testament, S.236-241; Kümmel;
Einleitung in das Neue Testament, S.242 255; Ed.Lohse,
Paulus, S.128f.
Copyright: Matthias Kreplin, 2000
