Der 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth
1.Kor.14,33b-36 ("Das Weib schweige in der Gemeinde"). Die Stellung
dieser Äußerung variiert in einigen Handschriften, das Gebot
widerspricht sachlich 11,5, wo davon ausgegangen wird, dass Frauen aktiv
am Gottesdienst teilnehmen. Außerdem wird der Gedankengang unterbrochen.
So handelt es sich wohl um eine Einfügung.
| 2. Literarkritische Fragen |
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Die Einheitlichkeit wird gelegentlich umstritten, da mehrere
Spannungen
zu beobachten sind:
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10,1-22 (Teilnahme am Götzenopfermahl strikt verboten) <-> 8,1
13/10,23 (Essen von Götzenopferfleisch durchaus möglich).
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Kap.13 steht mit harten Übergängen zwischen 12 und 14.
-
Kap.15 erscheint gänzlich isoliert.
Eine Teilungshypothese wäre nur zu verantworten, wenn nicht
nur stilistische Argumente, sondern auch verschiedene Abfassungssituationen
angenommen werden könnten. Dafür gibt es evt. verschiedene Hinweise:
Nach 1,11 hat Paulus Informationen von den Leuten der Chloe; 16,17 spricht
dagegen von der Anwesenheit der Gruppe um Stepha nas (doch könnte
die zweite Gruppe auch während der Abfassung des Briefes zu Paulus
gestoßen sein).
5,9ff weist auf einen früheren Brief hin. Sollte dieser mit dem einem
zweiten zu 1.Kor. zusammengearbeitet sein? (Jedoch begegnet das Thema Unzucht,
das nach 5,9 darin wichtig war, in 1.Kor. fast nur in unmittelbarer Nachbarschaft
zu dieser Stelle).
Es gibt z.B. eine umfassende Teilungshypothese von Dinkler, der zwei Briefe
in verschiedener Reihenfolge annimmt. Dabei ist allerdings auf eine Menge
von Spekulationen zurückzugreifen, v.a. lassen sich klar verschiedene
Abfassungssituationen kaum erkennen. Die Brüche zwischen einzelnen
Abschnitten lassen sich durchaus auch dadurch erklären, dass Paulus
hier verschiedene Themen und von den Korinthern gestellte Fragen z.T. mit
Exkursen
(2,6-16; 6,1-11; 9,1-27; 10,1-13; 13,1-13) beantwortet.
Die Echtheit des 1.Kor. wird nicht bestritten.
Adressat des 1.Kor. ist die von Paulus gegründete Gemeinde in Korinth.
146 vChr. zerstört, wurde sie 100 Jahre später von den Römern
neu besiedelt und war dann römische Kolonie (doch gehen 1./2.Kor auf
den Status der Stadt als colonia nicht ein), bedeutende Hafen- und Handelsstadt,
Hauptstadt der Provinz Achaia und wichtiges Zentrum in Griechenland. Über
die erste Missionstätigkeit des Paulus in Korinth informiert Act.18.
Act.18,1-17 gibt einen lückenhaften Bericht des Wirkens des Paulus
in Korinth, der dort auf seiner zweiten Missionsreise, (ca. 49) aufgetreten
ist. Paulus hat sich längere Zeit in der Stadt aufgehalten und von
hier aus 1.Thess. geschrieben. Aus Act.19 ist zu erfahren, dass Paulus
von Korinth nach Ephesus ging. Act.20,2f berichtet erneut von einem dreimonatigen
Aufenthalt in Korinth (eigentlich nur e„j t¾n
`Ell£da) während der dritten Missionsreise.
| 4. Abfassungsort und -zeit |
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Nach 1.Kor.16,8 (vgl. 15,32) wurde 1.Kor in Ephesus abgefasst.
Dass dabei der zweite Aufenthalt des Paulus in Ephesus (am Anfang der sog.
3. Missionsreise) gemeint ist, geht aus 1.Kor.4,17; 16,10 und Act.19,22
hervor, wo übereinstimmend berichtet wird, dass Paulus Timotheus von
Ephesus über Makedonien nach Achaia vorausgesandt hatte. Er erwartet,
dass Timotheus später als der auf direktem Wege (durch die Gruppe
um Stephanas) nach Korinth gebrachte Brief in Korinth ankommt. Zur Zeit,
als Paulus schreibt "ist es Frühjahr (16,8), und zwar aller Wahrscheinlichkeit
nach das Frühjahr vor dem Ende des ephesinischen Aufenthaltes des
Paulus. Dann ist 1.Kor in das Frühjahr 54 oder 55 zu datieren"
(Kümmel, 242). Vgl. dazu Die Biografie des
Paulus.
| 5. Der Anlass zur Abfassung |
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Der Anlass der Abfassung ist mehrschichtig:
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Wohl sind einige Abgesandte (16,17) aus Korinth nach Ephesus gekommen und
haben Paulus vom Gemeindeleben berichtet. Auch haben sie Paulus eine Reihe
von schriftlichen Fragen mitgebracht, die er nun beantwortet (vgl.
7,1).
-
Ferner erfuhr Paulus wohl über andere Kanäle (1,11 nennt die
Leute der Chloë), dass es Streit und verschiedene Parteiungen
in Korinth gäbe (1,12f; 3,4). Paulus nimmt zunächst dazu Stellung.
Welche grundsätzliche Position steht hinter den von Paulus kritisierten
Anschauungen und Vorfällen.
-
1.Kor.1-4 kritisiert Paulus die Spaltung der Gemeinde in verschiedene
Gruppen, die sich jeweils auf verschiedene Apostel oder auf Christus selbst
berufen. Paulus kritisiert dabei Gemeindeglieder, die sich "aufblasen"
(4,18f).
-
Verschiedene Personen in der Gemeinde sehen sich genötigt, ihre Streitigkeiten
vor öffentlichen Gerichten auszutragen (1.Kor.6,1ff).
Daraus ist zu schließen, dass es in Korinth sicher mehrere Gruppen
gab, die sich wohl auch in theologischen Fragen unterschieden. Folgende
Streitpunkte
lassen sich erkennen:
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1,18ff kritisiert Paulus die Korinther, die meinen Weisheit erlangt
zu haben, mit immer wieder neuen Hinweisen auf die Kreuzigung Christi,
die in den Augen der Welt eine Torheit ist.
-
4,8 kritisiert Paulus ironisch, dass die Korinther meinen, sie seien bereits
"zur Herrschaft gelangt". Daraus wird zumeist geschlossen, dass in Korinth
Enthusiasten
maßgeblich sind, die die himmlische Herrlichkeit als gegenwärtig
bereits realisiert ansehen.
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Ekstatische Gaben wie Zungenrede, Prophetie und Wunderkräfte
werden bei den Korinthern offensichtlich so hoch geschätzt, dass die
Einheit der Gemeinde davon bedroht ist (1.Kor.12+14).
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Auch bei der Feier des Herrenmahls steht wohl die individuelle spirituelle
Erfahrung über der Gemeinschaft und Einheit der Gemeinde (1.Kor.11,17-34).
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Ferner kritisiert Paulus Grundhaltungen wie "Alles ist erlaubt"
(6,12; 10,23) bzw. "Wir haben Erkenntnis" (8,1 - gemeint ist: Das Götzenopferfleisch
kann uns nichts anhaben), mit der die korinthischen Christen meinen, sich
von allen Normen emanzipieren zu können (Konkret: Götzenopfer(fleisch)
1.Kor.8+10; Unzucht 1.Kor.5,1ff+6,12ff).
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Röm.7,1 zitiert Paulus wohl eine Anfrage der Korinther, die die Sexualaskese
empfiehlt.
So gab es wohl auch eine asketische Gruppe in Korinth (vgl. auch 7,28).
Allerdings ist es nicht möglich, die einzelnen Kritiken des Paulus
den verschiedenen Parteiungen zuzuordnen. Versuche, die dazu unternommen
wurden, bedienten sich zu vieler Spekulationen (oft wird versucht die Apollos-Anhänger
mit der Weisheitspflege, die Petrus-Anhänger mit Judaisten und die
Christus-Anhänger mit dem Enthusiasmus in Verbindung zu bringen; doch
Paulus kritisiert auch die Paulus-Anhänger, von Judaisten ist nichts
zu spüren). Auch redet Paulus interessanterweise die Gemeinde immer
als ganzes an, auch gerade in Kap.1-4, wo er alle Gruppen mit den gleichen
Argumenten kritisiert. Kümmel schließt daraus: "Die Spaltung
ist nicht durch das Vorhandensein verschiedener Lehren oder Richtungen
in der Gemeinde verursacht, sondern durch Überschätzung der
menschlichen Lehrer und Taufenden bei den Korinthern infolge eines
mysterienhaften Verständnisses des Taufe (1,12ff; 4,15)" (Kümmel,
237).
Damit ist die Aufgabe gegeben, die verschiedenen Kritikpunkte des Paulus
auf eine gemeinsame Grundüberzeugung zurückzuführen. Versucht
man dies, so ließe sich sagen, dass korinthische Enthusiasten
sich
durch den Empfang der ekstatischen Geistesgaben bereits derart der himmlischen
Herrlichkeit verbunden fühlten, dass darüber die Gestaltung
des irdischen Lebens (Normen) und die Einheit und Solidarität der
Gemeinde für vernachlässigbar hielten. Paulus dagegen antwortet
mit seiner theologia crucis: "Er betont, dass das Kreuz nicht zugunsten
der Erhöhung ignoriert werden dürfe, und er unterstreicht angesichts
des korinthischen Interesses an 'Weisheit', dass der Christ diese nicht
gewinnt im enthusiastischen Aufschwung, sondern in der Anerkennung der
Torheit des Kreuzes" (Conzelm./Lindem., 235).
Eine religionsgeschichtliche Einordnung der korinthischen Enthusiasten
in die Gnosis wird zwar oft vorgenommen, ist aber reine Spekulation, da
sich nur einzelne Elemente der korinthischen Praxis mit gnostischen Vorstellungen
verbinden lassen.
Die Gliederung von 1.Kor. ist recht gut überschaubar. Paulus bespricht
Probleme des Lebens einer christlichen Gemeinde, ohne dass dabei allerdings
eine bestimmte Themenordnung erkennbar ist. Offensichtl. antwortet er dabei
auf versch. Anfragen (vgl. 7,1).
| 7. Themen und Interpretationsprobleme |
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1,10-4,21: In der Gemeinde haben sich Gruppen gebildet, die je weils
einem religiösen Führer huldigen (1,12). => Fragen:
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Gibt es drei oder vier Parteien? Gibt es eine eigene Christus-Partei (was
Conzelmann aus 1,12f schließt), oder gibt es nur die Paulus-, Apollos-
und Kephas-Parteien (so 3,22)?
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Welche Vorstellungen haben die einzelnen Parteien vertreten? Haben sie
überhaupt verschiedene Vorstellungen vertreten, oder handelt es sich
lediglich um Versuche der Machtgewinnung aufgrund der Rückführung
auf Tauf-Väter? Paulus sagt nichts Genaueres, sondern kritisiert pauschal
deren Existenz.
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Petrus war wohl nie persönlich in Korinth (Kap.3f spricht Paulus nur
von sich und Apollos). Wie kann sich dann eine Gruppe auf Petrus berufen?
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1,18ff: Verhältnis von Weisheit und Torheit (Gottes Weisheit
ist gegenüber der Weltweisheit eine Torheit, da sie dem Selbstverständnis
des Menschen widerspricht). Gott ist in seiner Wahl von menschlichen, sozialen
Maßstäben frei, indem er v.a. das Niedrige erwählt
(wohl wichtig bei der sozialen Zusammensetzung der korinthischen Gemeinde).
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Kap.8-10 handeln vom Götzenopferfleisch. Dabei gibt es zwei
miteinander verquickte Probleme, deren Hintergrund die Grundhaltung der
"Starken" ist, dass alles erlaubt sei, da es sowieso keine Götzen
gäbe:
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Dürfen Christen Speise essen, die "unheilig" ist? - Ja, die Christen
haben die Freiheit, aber sie wird pervertiert, wenn sie sich gegen den
Bruder in der Gemeinde richtet (Kap.8).
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Dürfen Christen an Götzenopfermahlzeiten teilnehmen. Nein, 10,1-22
verbietet die Teilnahme, die als Gemeinschaft mit Dämonen bezeichnet
wird.
Trotz Spannungen ist aber eine sachliche Einheit erkennbar.
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In Kap.15, das von der Totenauferstehung handelt (ähnl. 1.Th.
4,13f als Kommentar zum Credo 15,3-5). Die himmlische Existenz des Auferstandenen
ist prinzipiell unanschaulich (15,35-49). Unsicher ist, was eigentlich
die Position der Korinther war. Es gibt folgende Deutungen:
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Generelle Bestreitung der Auferstehung (15,12).
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Bestreitung der Auferstehung des Leibes (15,35ff).
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Die Korinther behaupten enthusiastisch, sich schon im Zustand der Auferstehung
zu befinden.
Paulus betont zwar, dass die Auferstehung noch in der Zukunft liegt und
dass sich die Existenz der Christen also nicht im Himmel, sondern auf Erden
vollzieht. Dennoch ist dies eher Nebengedanke. Die Fragen, die er abhandelt
sind 15,12 und 15,35 genannt.
Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arbeitsbuch
zum Neuen Testament, S.228-236; W.G.Kümmel,
Einleitung in das Neue Testament, S.232-242.
Copyright: Matthias Kreplin, 2000
