Der 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth
 
 
1. Textkritische Fragen
2. Literarkritische Fragen
3. Der Adressat
4. Abfassungsort  und -zeit
5. Der Anlass zur Abfassung
6. Aufbau
7. Themen und Interpretationsprobleme



 
1. Textkritische Fragen

1.Kor.14,33b-36 ("Das Weib schweige in der Gemeinde"). Die Stellung dieser Äußerung variiert in einigen Handschriften, das Gebot widerspricht sachlich 11,5, wo davon ausgegangen wird, dass Frauen aktiv am Gottesdienst teilnehmen. Außerdem wird der Gedankengang unterbrochen. So handelt es sich wohl um eine Einfügung.
 
 
2. Literarkritische Fragen

Die Einheitlichkeit wird gelegentlich umstritten, da mehrere Spannungen zu beobachten sind:

Eine Teilungshypothese wäre nur zu verantworten, wenn nicht nur stilistische Argumente, sondern auch verschiedene Abfassungssituationen angenommen werden könnten. Dafür gibt es evt. verschiedene Hinweise:
  • Nach 1,11 hat Paulus Informationen von den Leuten der Chloe; 16,17 spricht dagegen von der Anwesenheit der Gruppe um Stepha nas (doch könnte die zweite Gruppe auch während der Abfassung des Briefes zu Paulus gestoßen sein).
  • 5,9ff weist auf einen früheren Brief hin. Sollte dieser mit dem einem zweiten zu 1.Kor. zusammengearbeitet sein? (Jedoch begegnet das Thema Unzucht, das nach 5,9 darin wichtig war, in 1.Kor. fast nur in unmittelbarer Nachbarschaft zu dieser Stelle).
  • Es gibt z.B. eine umfassende Teilungshypothese von Dinkler, der zwei Briefe in verschiedener Reihenfolge annimmt. Dabei ist allerdings auf eine Menge von Spekulationen zurückzugreifen, v.a. lassen sich klar verschiedene Abfassungssituationen kaum erkennen. Die Brüche zwischen einzelnen Abschnitten lassen sich durchaus auch dadurch erklären, dass Paulus hier verschiedene Themen und von den Korinthern gestellte Fragen z.T. mit Exkursen (2,6-16; 6,1-11; 9,1-27; 10,1-13; 13,1-13) beantwortet.

    Die Echtheit des 1.Kor. wird nicht bestritten.
     
     
    3. Der Adressat

    Adressat des 1.Kor. ist die von Paulus gegründete Gemeinde in Korinth. 146 vChr. zerstört, wurde sie 100 Jahre später von den Römern neu besiedelt und war dann römische Kolonie (doch gehen 1./2.Kor auf den Status der Stadt als colonia nicht ein), bedeutende Hafen- und Handelsstadt, Hauptstadt der Provinz Achaia und wichtiges Zentrum in Griechenland. Über die erste Missionstätigkeit des Paulus in Korinth informiert Act.18. Act.18,1-17 gibt einen lückenhaften Bericht des Wirkens des Paulus in Korinth, der dort auf seiner zweiten Missionsreise, (ca. 49) aufgetreten ist. Paulus hat sich längere Zeit in der Stadt aufgehalten und von hier aus 1.Thess. geschrieben. Aus Act.19 ist zu erfahren, dass Paulus von Korinth nach Ephesus ging. Act.20,2f berichtet erneut von einem dreimonatigen Aufenthalt in Korinth (eigentlich nur e„j t¾n `Ell£da) während der dritten Missionsreise.
     
     
    4. Abfassungsort  und -zeit

    Nach 1.Kor.16,8 (vgl. 15,32) wurde 1.Kor in Ephesus abgefasst. Dass dabei der zweite Aufenthalt des Paulus in Ephesus (am Anfang der sog. 3. Missionsreise) gemeint ist, geht aus 1.Kor.4,17; 16,10 und Act.19,22 hervor, wo übereinstimmend berichtet wird, dass Paulus Timotheus von Ephesus über Makedonien nach Achaia vorausgesandt hatte. Er erwartet, dass Timotheus später als der auf direktem Wege (durch die Gruppe um Stephanas) nach Korinth gebrachte Brief in Korinth ankommt. Zur Zeit, als Paulus schreibt "ist es Frühjahr (16,8), und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach das Frühjahr vor dem Ende des ephesinischen Aufenthaltes des Paulus. Dann ist 1.Kor in das Frühjahr 54 oder 55 zu datieren" (Kümmel, 242). Vgl. dazu Die Biografie des Paulus.
     
     
    5. Der Anlass zur Abfassung

    Der Anlass der Abfassung ist mehrschichtig:

    Welche grundsätzliche Position steht hinter den von Paulus kritisierten Anschauungen und Vorfällen. Daraus ist zu schließen, dass es in Korinth sicher mehrere Gruppen gab, die sich wohl auch in theologischen Fragen unterschieden. Folgende Streitpunkte lassen sich erkennen: Allerdings ist es nicht möglich, die einzelnen Kritiken des Paulus den verschiedenen Parteiungen zuzuordnen. Versuche, die dazu unternommen wurden, bedienten sich zu vieler Spekulationen (oft wird versucht die Apollos-Anhänger mit der Weisheitspflege, die Petrus-Anhänger mit Judaisten und die Christus-Anhänger mit dem Enthusiasmus in Verbindung zu bringen; doch Paulus kritisiert auch die Paulus-Anhänger, von Judaisten ist nichts zu spüren). Auch redet Paulus interessanterweise die Gemeinde immer als ganzes an, auch gerade in Kap.1-4, wo er alle Gruppen mit den gleichen Argumenten kritisiert. Kümmel schließt daraus: "Die Spaltung ist nicht durch das Vorhandensein verschiedener Lehren oder Richtungen in der Gemeinde verursacht, sondern durch Überschätzung der menschlichen Lehrer und Taufenden bei den Korinthern infolge eines mysterienhaften Verständnisses des Taufe (1,12ff; 4,15)" (Kümmel, 237).
    Damit ist die Aufgabe gegeben, die verschiedenen Kritikpunkte des Paulus auf eine gemeinsame Grundüberzeugung zurückzuführen. Versucht man dies, so ließe sich sagen, dass korinthische Enthusiasten sich durch den Empfang der ekstatischen Geistesgaben bereits derart der himmlischen Herrlichkeit verbunden fühlten, dass darüber die Gestaltung des irdischen Lebens (Normen) und die Einheit und Solidarität der Gemeinde für vernachlässigbar hielten. Paulus dagegen antwortet mit seiner theologia crucis: "Er betont, dass das Kreuz nicht zugunsten der Erhöhung ignoriert werden dürfe, und er unterstreicht angesichts des korinthischen Interesses an 'Weisheit', dass der Christ diese nicht gewinnt im enthusiastischen Aufschwung, sondern in der Anerkennung der Torheit des Kreuzes" (Conzelm./Lindem., 235).
    Eine religionsgeschichtliche Einordnung der korinthischen Enthusiasten in die Gnosis wird zwar oft vorgenommen, ist aber reine Spekulation, da sich nur einzelne Elemente der korinthischen Praxis mit gnostischen Vorstellungen verbinden lassen.
     
     
    6. Aufbau

    Die Gliederung von 1.Kor. ist recht gut überschaubar. Paulus bespricht Probleme des Lebens einer christlichen Gemeinde, ohne dass dabei allerdings eine bestimmte Themenordnung erkennbar ist. Offensichtl. antwortet er dabei auf versch. Anfragen (vgl. 7,1).
     
     
    7. Themen und Interpretationsprobleme



    Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, S.228-236; W.G.Kümmel, Einleitung in das Neue Testament, S.232-242.



    Copyright: Matthias Kreplin, 2000