Der Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi
| 1. Literarkritische Fragen |
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Die literarkritischen Fragen konzentrieren sich bei Phil. v.a. auf den
harten Übergang von 3,1 zu 3,2. 3,1 könnte die Einleitung
eines Briefschlusses sein, doch in 3,2 setzt Paulus unvermittelt mit einer
Polemik gegen Judaisten, die die Beschneidung fordern ein. Wenn hier ein
anderer Brief eingeschoben wird, wo endet dieser? Verschiedene Teilungshypothesen
werden diskutiert:
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J.Gnilka unterscheidet den Gefangenschaftsbrief A (1,1-3,1a; 4,2-7+10-23)
und den Kampfbrief B (3,1b-4,1+8f). Doch die versweise Abgrenzung (v.a.
von 4,8f) bleibt willkürlich.
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W.Schmidthals sieht sogar 4,10-23 als ein eigenständiges Dankesschreiben
(A) an. Ferner unterscheidet er Brief B (1,1 3,1; 4,4-7) und Brief C (3,2-4,3+8f).
Allerdings ist hier die Ausgrenzung von 4,10-23 schwer zu begründen.
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Am ehesten und einfachsten wird noch der Abschnitt 3,2-4,3 herauszulösen
sein. 4,4 schließt nämlich wieder an 3,2 an. Außerdem
lässt sich 4,1-3 gut als Briefschluss verstehen. Ledig lich Postskript
und Präskript/Proömium wären dann abgetrennt worden.
Bei einer Teilungshypothese gibt es allerdings folgende Probleme:
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Es fehlen ganz sichere Indizien dafür, dass Kap.3 eine andere äußere
Situation voraussetzt als der erste Teil des Phil: Die grundsätzlich
positiven Haltung der Gemeinde ändert sich nicht; und von Spannungen
innerhalb der Gemeinde ist immerhin auch schon in 1,28+30 und 2,21 die
Rede gewesen.
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Die Frage, in welchem zeitlichen Verhältnis dann die zwei voneinander
zu unterscheidenden Briefe stehen, ist praktisch kaum zu klären.
Es lässt sich daher weder die Einheitlichkeit, noch die literarkritische
Teilung mit hinreichender Sicherheit begründen. Die Frage bleibt
offen.
Die Echtheit des Phil. ist allgemein unbestritten.
Adressat des Briefes ist die Gemeinde in Philippi. Philippi war eine
Distrikthauptstadt in Mazedonien, eine römische Kolonie (Act.16,12),
in der nur wenig Juden lebten. Berühmt war die Stadt durch die Schlacht
bei Philippi (42 vChr), in der Marc Anton und Oktavian die Cäsarmörder
besiegt hatten. Paulus gründete hier auf der sog. 2. Missionsreise
im Jahr 48/49 seine erste Gemeinde auf europäischem Boden.
| 3. Abfassungszeit und -ort |
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Abfassungszeit und -ort sind nur sehr schwer zu ermitteln. Nach 1,12-26
schreibt Paulus diesen Brief in Gefangenschaft. Es sind drei Abfassungsorte
denkbar:
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1.Kor.15,32 und 2.Kor.8f lassen auch auf eine Gefangenschaft in Ephesus
schließen.
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Nach Act.28,14-31 wurde Paulus in Rom in Haft gehalten. Für
Rom sprechen
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die Umstände der Gefangenschaft: Sorge ist nicht zu entdecken. Paulus
sitzt als Missionar und nicht als Verbrecher im Gefängnis.
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die Erwähnung des Prätoriums (= Prätorianerkaserne 1,13)
und der Christen, "die aus dem Haus des Kaisers" (= wohl Sklaven; 4,22).
Jedoch gab es auch in Provinzen ein Prätorium (dort Palast des Statthalters)
und kaiserliche Sklaven.
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die gegenüber 1.Kor veränderte Eschatologie. Paulus erwartet
nun, dass er sofort nach dem Tode ins neue Leben hinübergehen werde
(1,23). A.Schweitzer führt das auf ein Stück Märtyrertheologie
zurück: Die Märtyrer würden vor der allgemeinen Totenauferstehung
in den Himmel aufgenommen. Damit würde sich Phil. und 1.Kor.15 nicht
widersprechen. Festzuhalten ist ferner, dass auch Phil.3,20 und 4,5 die
Parusieerwartung aus spricht und dass Paulus auch in früheren Briefen
nicht über den Zeitraum zwischen Tod und Auferstehung spekuliert.
So gibt es keinen zwingenden Grund für Rom. Gegen Rom spricht geradezu,
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dass Paulus die Absicht äußert, nach seiner Haftentlassung nach
Philippi zu kommen (1,26; 2,24). Dies widerspricht Röm.15,24 wo Paulus
schreibt, dass er von Rom aus nach Spanien aufbrechen will. Von einer Änderung
seiner Pläne ist aber nichts zu erfahren.
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Auch lässt die Entfernung zwischen Rom und Philippi kaum einen solch
regen Austausch zu, wie er 2,24-26 zu.
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Nach Act.23,33-26,32 war Paulus in Cäsaräa in Haft. Gegen
Cäsaräasprechen genau dieselben Argumente wie gegen Rom.
Der Brief ist also wohl kaum in der römischen Gefangenschaft in Cäsaräa
oder Rom entstanden. Damit ist eine Spätdatierung wohl nicht anzunehmen.
Dann legt sich v.a. eine Abfassung in Ephesus nahe. Das rege Hin
und Her zwischen Paulus und der Gemeinde wäre dort noch am ehesten
vorstellbar. Phil. wäre dann etwa gleichzeitig wie 1.Kor. auf
der sog. 3. Missionsreise Frühjahr 54 oder 55 geschrieben.
Das Verhältnis des Paulus zur Gemeinde ist unbelastet. Dies ist
am starken Hervortreten der Stichworte ca…rein
und car£ und an der Annahme finanzieller
Unterstützung (4,10ff; in Korinth abgelehnt, vgl. 2.Kor.11,9)
zu erkennen.
Allerdings lässt der polemische Teil 3,2ff erkennen, dass wohl
auch in Philippi judaistische (Wander-)Lehrer einzudringen drohen. Doch
scheint die Situation nicht so bedenklich zu sein, dass Paulus zu einer
größeren Auseinandersetzung mit diesen Lehrer ausholen müsste.
Anlass des Schreibens ist offensichtlich die bevorstehende Rückkehr
der Epaphroditus, der Paulus eine Spende von der Gemeinde überbracht
hat (4,10ff; v.a. 4,18), dann aber bei Paulus krank geworden war (2,26),
nun aber von Paulus wieder zur Gemeinde zurückkehren will (2,26).
Phil. hat keinen übersichtlichen Aufbau. Lediglich das Proömium
(1,3-11) ist scharf abgegrenzt.
| 6. Theologische Aussageintentionen |
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Theologische Stoßrichtungen gibt es mehrere:
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In 3,2-4,3 begegnet Polemik gegen die Auffassung einer Gerechtigkeit,
die aus dem Gesetz kommt. Gegner sind wohl Beschnittene (3,2), also
Juden(christen), die evt. auch enthusiastische Tendenzen haben (vgl. 3,12f).
Paulus verweist dabei auf seine eigene Gesetzeserfüllung (3,6 gegen
jüdische Kritik) und darauf, dass die Vollendung noch aussteht, dass
Paulus aber nach ihr strebt (3,12ff gegen Enthusiasten).
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Der Christushymnus dient dazu, die paränetischen Mahnungen
durch Hinweis auf Vorbild Christi zu begründen (Vorbild im
Gehorsam des Präexistenten, nicht in der Gesinnung des Irdischen).
Er verdeutlicht, dass sich christliche Existenz im Verzicht auf Macht
verwirklicht. Es gibt eine Spannung zwischen christologischer Intention
dieses Hymnus und der theologischen Intention des Paulus: Der Hymnus betont
mit seiner Drei-Stufen-Christologie Inkarnation, Tod und Erhöhung
des Präexistenten. Bei Paulus dagegen sind Kreuz und Auferstehung
zentral. Deswegen bekommt der Hymnus durch erläuternden Zusatz (Betonung
des Kreuzestodes) einen besonderen Akzent.
Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arbeitsbuch
zum Neuen Testament, S.221-225; W.G.Kümmel,
Einleitung in das Neue Testament, S.280-293.
Copyright: Matthias Kreplin, 2000
