Das Evangelium nach Matthäus
Das Evangelium selbst enthält keinen Hinweis auf seinen Verfasser
(allerdings ist die Geschichte von der Berufung des Levi in eine Berufung
des Matthäus umgeformt - Mk.2 -> Mt.9,9ff). Papias nennt einen
Matthäus, der ein hebräisches Evangelium ins Griechische übersetzt
habe. Doch verbirgt sich dahinter wahrscheinl. keine Auskunft über
ein hebräisches Urevangelium oder gar die Logienquelle, sondern bereits
die Spekulation des Papias. Diese weist auf den Namen Matthäus, der
sich auch in der Liste der Zwölf befindet, der aber nur Mt.9,9ff
und 10,3 als Zöllner bezeichnet wird. Gegen eine Autorschaft eines
jüdischen Zöllners und Jüngers Jesu spricht allerdings die
griechische Abfassung und die spätapostolische Haltung.
Da Mt. von Mk. abhängig ist, ist eine Entstehung vor 70 nChr.
ausgeschlossen. Dies ist auch daran zu erkennen, dass Mt. die Zerstörung
Jerusalems voraussetzt (z.B. nachträgliche Allegorisierung in
Mt.22,7). Die Benutzung durch Ignatius (110) markiert den terminus
ad quem für die Datierung. So ist wohl von einer Entstehung zw.
80 und 90 nChr. zu rechnen.
Das Mt.-Evang. ist für griechisch sprechende Leser geschrieben,
die in mehrheitlich jüdischer Umgebung und in Auseinandersetzung mit
dem Judentum leben (s.u.). Eine Abfassung in Palästina ist daher eher
unwahrscheinlich. Eine Abfassung in Alexandrien (Flucht nach Ägypten),
Antiochien,
Syrien oder Phönizien (Mt schon bei Ignatius bezeugt) wurde vermutet,
ist allerdings nicht zu belegen. Theißen plädiert dafür,
dass Matthäus aus östlicher Richtung nach Palästina blickt,
da Judäa oder Westgaliläa "jenseits des Jordans" lokalisiert
wird (Mt.4,15f; 4,25; 19,1), und vermutet eine Abfassung im syrischen
Binnenland.
Mt. verarbeitet Mk., Q (ca 1/9 von Mt.) und Sondergut (ca.4/9).
Umstritten ist, ob und welcher Teil des Sonderguts bereits in Q stand.
Doch ist diese Frage methodisch kaum zu klären. Dass das Sondergut
aus einer Quelle stammt, ist eher unwahrscheinlich, da es einfach zu disparat
ist. So ist es wahrscheinlich auf verschiedenste, wohl auch mündliche
Weise Mt. zugewachsen.
Umstritten ist auch, ob die Reflexionszitate einer eigenen Quelle
entstammen. Sie sind bes. charakteristisch für mt. Verständnis
der Heilsgeschichte: Vorgänge im Leben Jesu, seine Verkündigung
und sein Verhalten werden als Erfüllung von AT-Weissagungen gedeutet.
Als Reflexionszitat werden dabei nur die AT-Zitate gewertet, die mit einer
Einleitung (etwa "Das geschah, damit erfüllt werde.." z.B. 1,22f;
2,5f+15+18+23; 4,15f; 8,17; 12,18-21; 13,35; 21,5; 27,9f) versehen sind
und nur bei Mt. vorkommen. Sie sind, anders als die anderen AT-Zitate,
weniger an der LXX orientiert und könnten evt. eigenständige
Übersetzungen aus dem Hebräischen darstellen. Ob Mt. hier jedoch
eine eigene Quelle verarbeitet oder ob er hier mündliche Tradition
aufninmmt, lässt sich jedoch nur schwer entscheiden. Auf jeden Fall
zeigt sich in ihnen redaktionelle Arbeit des Mt. (So wird Mk 11,1f in Mt
21,5 gemäß Sach.9,9 verändert.).
| Formale Kennzeichen der matth. Redaktion |
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Markin. Texte werden häufig gekürzt und auf ihre Pointe
zugespitzt. Bei Heilungen werden oft die konkreten Einzelzüge, v.a.
das therapeutische Verfahren, weggekürzt.
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Der Stil des Mt. ist gepflegter als bei Mk.
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Stoffe werden systematisch geordnet (Reden, Gleichnisse, Wunder
etc.).
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Lockere Verknüpfungen zw. den Perikopen werden vermehrt.
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Hauptsächlich werden die Erzählungen verändert, kaum allerdings
die Worte Jesu.
Die Darstellung der Gestalt Jesu ist stärker an den Glauben
an den erhöhten Gottessohn angeglichen, indem Gemütsbewegungen
Jesu und anstößige Züge gestrichen oder geändert werden
und Jesus als Kyrios angeredet wird.
| Sachliche Kennzeichen der matth.
Redaktion |
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Mt setzt v.a. gegenüber Mk und Q bestimmte eigene Akzente:
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Veränderte christolog. Titulatur: Neben "Christus", "Menschensohn"
tritt v.a. "Gottessohn" in Vordergrund.
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Mt. setzt mit Stammbaum Jesu (Abstammung von Erzvätern und David),
Geburtsgeschichte (Jungfrauengeburt => wesenhaft Sohn Gottes) und einigen
Kindheitserzählungen ein. Es geht ihm in dieser Vorgeschichte darum,
Jesus in der Erfüllung der atl. Verheißungen (Reflexionszitate)
als wesenhaften Gottessohn dar zustellen. Die Abwehr von Adoptionsvorstellungen
zeigt sich auch in der Veränderung der Mk.-Vorlage in Mt.3,17 (Mk.1,11):
Die Adoptionsformel wird zu einer Mitteilungsformel.
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Mt übernimmt nicht mk. Messiasgeheimnis. Er will nicht Wesen
Jesu verhüllen, sondern auf Paradoxie hinweisen, dass seine Offenbarung
in Niedrigkeit geschieht (10,42; 11,25). Offenes Bekennen, dass Jesus der
Messias ist (21,4f).
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Die Parusieerwartung tritt zurück. Stattdessen wird Problem
der Irrlehrer bedeutender. Der Kleinglaube der Jünger wird gerügt,
nicht mehr ihr Unglaube wie bei Mk. (8,26par Mk.4,40). Dem Zurücktreten
der Naherwartung geht parallel eine Hervorhebung des Gerichtsgedankens
(25): Paradigmatisch zeigt sich dies im Bild (kein Gleichnis) vom Weltgericht
(25,31-46): Jesus als kommender Menschensohn richtet die Menschen nach
ihrem irdischen Verhalten. Weit stärker als bei Mk. erscheint Jesus
als der Menschensohn-Richter. Das Gericht, das über alle Völker
ergeht (25,32), richtet nach dem Tun des Willens Gottes, nicht nach der
Kirchenzugehörigkeit (16,27). Der Gemeinde Jesu gilt also das selbe
Schicksal wie allen Völkern (Häufige Anwendung von Ge richtsterminologie
auf Gemeinde).
-
Ferner sind sechs große Redenkomplexe, die fünfmal mit
kaˆ
™gšneto Óte ™tšlesen Ð 'Ihsoàj toÝj lÒgouj
toÚtoj enden, typisch für Mt: Bergpredigt
(5-7), Aussendungsrede (10), Gleichnisrede (13), Gemeindeordnung (18),
Pharisäerrede (23), Rede über die letzten Dinge (24f). Sie gliedern
das Evangelium und machen deutlich, dass Mt. Jesus vornehmlich als Lehrer
versteht. Im Anschluss an Reden werden oft Taten Jesu berichtet
(8f; 14). Sie sollen die Autorität Jesu, die in den Reden in Anspruch
genommen wird, bekräftigen. Die Annahme in der Fünfzahl der Reden
sein ein Anklang an die Tora und Jesus werde parallel zu Mose als Verkündiger
der neuen Tora gesehen (Predigt auf dem Berg) ist allerdings doch etwas
weit hergeholt.
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Besonders markant ist die Redaktionsarbeit des Mt. am ersten Durchgang,
der von den gleichlautenden Summarien 4,23ff und 9,35 über
die Wirksamkeit Jesu gerahmt wird: Der Mk-Faden wird mit 4,13 verlassen.
Es folgt die Bergpredigt als katechismusartige Summe der Paränese.
In Kap.8 finden sich dann Erzählungen über Taten Jesu. Ab 9,1
geht Mt. wieder entsprechend der Mk-Vorlage, in die Stoff aus Q und Sondergut
erweiternd eingefügt ist, vor. Die markin. Vorlage und Q/Sondergut
werden gemäß der matth. Konzeption so eingearbeitet, dass möglichst
wenige Umstellungen vorkommen, aber dennoch die Intention klar ausgedrückt
wird.
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Auch Mt. kennt eine geographische Gliederung, die allerdings nicht
derart theologisch interpretiert wird wie bei Mk (evt. einfach aus der
Vorlage übernommen). Nach der Vorgeschichte, der Taufe und der Versuchung
Jesu beginnt ab 4,12 Jesu öffentliche Wirksamkeit. Sie hat drei geographisch
gegliederte Abschnitte:
-
4,12-18,35: Jesus in Galiläa (= verheißenes Land, in dem sich
Ankündigung der Propheten erfüllt 4,12-16)
-
19,1-20,34: Wanderungen durch Galiläa und Judäa
-
21,1-27,50: Jesus in Jerusalem (Vollendung des Schicksals Jesu am Kreuz)
-
Es gibt aber auch eine inhaltliche Gliederung der Wirksamkeit Jesu,
angezeigt durch die zwei gleichlautenden Formulierungen ¢pÕ
tÒte ½rxato Ð 'Ihsoàj 4,17 und 16,21. Die
erste leitet Jesu Wirksamkeit in Galiläa ein, die zweite steht unmittelbar
vor der ersten Leidensankündigungen und kündigt den Weg zum Kreuz
an.
| Juden und Christen - Die Gemeinde
des Matthäus |
|
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Mt. gilt gewöhnlich als Dokument judenchristl. Theologie. Dies
zeigt sich darin,
-
dass durch die Reflexionszitate und die anderen Verweise auf das AT Jesus
als die Erfüllung atl. Verheißungen gekennzeichnet wird.
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Pharisäer die wichtigsten Gesprächspartner Jesu sind.
Auch rabbinische Dialogmuster (Kasuistik) werden aufgenommen zur Gestaltung
von Dialogen (19,3 ggn. Mk.10,2).
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Die Terminologie erinnert an jüd. Formelsprache. Z.B. wird der Begriff
"Gottesreich" (basile…a toà qeoà)
durch den jüd. Ausdruck "Himmelreich (basile…a
tîn oÙranîn) ersetzt. Dahinter könnte das
jüd. Bemühen der Vermeidung des Gottesna mens stehen. Das von
den Jüngern geforderte Verhalten wird nur bei Mt. als dikaiosÚnh
bezeichnet. Die Siebenzahl der Bitten im Vaterunser und die Formulierung
der Vergebensbitte ist eine Annäherung an liturgischen Brauch des
Judentums.
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Jesus als der nur zu den Israeliten gekommene Messias gekennzeichnet
wird (10,5f; 15,24), und auch die Jünger nur zu Israeliten gesandt
werden.
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Die Diskussion um Tempelsteuer (17,24ff), die Tatsache, dass hebr.
Ausdrücke nicht übersetzt und jüdische Gebräuche, Ordnungen
und Redensarten nicht erklärt werden (15,2 ggn. Mk.7,2f; 23,5; 23,24;
23,27; 5,22; 27,6), zeigen, dass das Evangelium an Juden oder an Menschen,
die in jüdischer Umgebung leben, gerichtet ist.
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Die Gemeinde des Mt. versteht sich als das Volk, in dem das Gesetz wirklich
gehalten wird und in keinem Punkt aufgelöst wird (5,19; 23,3).
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Doch gegen eine solche Einordnung des Matthäusevangeliums in das
Judenchristentum spricht
-
der universalistische Auftrag zur weltweiten Mission (28,16ff),
der keinen Übertritt zum Judentum fordert (Vgl. auch 13,38; 24,14;
22,9).
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die Rede von "ihren Schriftgelehrten", "ihren/euren Synagogen" (7,29;
9,35; 23,34; vgl. auch 21,43). Dies spricht dafür, dass sich die matth.
Gemeinde bereits vom jüdischen Synagogalverband getrennt hat.
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die Rede von der endgültigen Verwerfung der Juden (8,12; 21,43;
27,25; 28,15).
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Wie ist diese Spannung zu deuten? Eine einfache Lösung (Mt. ist Judenchrist,
der heidenchristl. Material eben tradieren muss oder umgekehrt) ist nicht
befriedi gend. Vielmehr ist Mt. in starkem Maß von der Auseinandersetzung
zwischen Judentum und christlicher Gemeinde betroffen. Es fehlt jedoch
eine grundsätzliche Ablehnung der gesetzesstrengen jüd. Position.
Der Verf. des Mt vertrat aber auch nicht die Ansicht, dass Heiden zuerst
Juden werden müssten, bevor sie Christen werden können (judaist.).
Er war Jude mit detaillierter Kenntnis des Judentums. Aber seine Heilslehre
ist dennoch universal. Die Spannung innerhalb löst er innerhalb seines
Evang., indem er klarmacht, dass Jesu Sendung auf Israel bezogen war,
Israel ihn aber abgelehnt hat, und deshalb das Heil den Heiden zuteil wurde
(wichtig: -> Mt 21,33-45 par Mk 12,1-12). An die Stelle der ungläubigen
Juden tritt das eschatologische Gottesvolk, das durch das Früchtehervorbringen
gekennzeichnet ist, ohne dass darin der Unterschied von Juden und Heiden
zentral wäre. Ed. Schweizer formuliert (12f): "Man wird also am ehesten
an eine Gemeinde denken, die in einem noch ganz vom Judentum bestimmten
Bereich lebt und die jüdische Synagoge quer über der Straße
stehen sieht. Israel als ganzes hat endgültig Nein gesagt zu Jesus;
die Gemeinde versteht sich als das andere Volk, dem jetzt der Weinberg
Gottes übergeben ist; also auch das Gesetz.." Heiden gehören
schon selbstverständlich zur Gemeinde, aber es besteht noch Hoffnung
Juden zu gewinnen (23,39). Schmähungen und Verfolgungen durch
tonangebende Bevölkerung, d.h. durch Juden, waren aber auch möglich.
Der bekämpfte Gegner ist also nicht ein gesetzesfreies Heidenchristentum,
sondern das pharisäische/rabbinische Judentum.
| Zur Ekklesiologie des Matthäus-Evangeliums |
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In keinem Evangelium spielt die Ekklesiologie eine derart zentrale
Rolle:
-
13,24-30.36-43: Gleichnis v. Unkraut unter dem Weizen mit Deutung. Hier
zeigt sich, dass Mt die christliche Gemeinde noch nicht als Sammlung der
Auserwählten, sondern noch bis zum Endgericht als corpus permixtum
betrachtet.
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Bei Mt stehen die Jünger eindeutig auf der Seite Jesu; sie
sind es jetzt, die den Willen des Vaters tun (12,49f. Mk 9,37 -> Mt 10,40).
Sie werden positiver als bei Mk. gesehen. Einige der recht negativen Berichte
in Mk. werden gestrichen oder umgearbeitet.
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In den sieben Reich-Gottes-Gleichnissen in Kap 13 zeigt sich eine Verbindung
von ekklesiolog. und eschatolog. Motiven.
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16,17-19: Wort an Petrus: Der Spruch ist zweifellos nachösterlich
=> Hinweis auf Kirchenverständnis der frühe palästin. Gemeinde
(Schlüsselgewalt des Petrus zwischen Ostern und Parusie). Erwähnung
der ™kklhs…a innerhalb der Synoptiker nur noch
Mt 18,17.
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Aufenthalt in Jerusalem und Passion sind deutlich als Orte der Scheidung
zw. glaubender Gemeinde und ungläubigem Israel gesehen.
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28,18-20: Missionsbefehl: Zusammenfassung des Evangeliums (Weltherrschaft
des Auferstandenen + universale Aufgabe der Jünger: Lehre und Taufe).
Eschatologischer Schluss.
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Die Ekklesiologie des Mt. lässt sich nach Ed. Schweizer folgendermaßen
charakterisieren: Die Gemeinde ist das "Volk, das Früchte bringt".
Gottes Gottsein hängt für Mt an seiner Treue zu Israel. Gott
ist daher auch in Jesus Israel treu geblieben. Jesus geht nicht ins heidnische
Land. Die Sonderstellung Israels als erwähltes Volk bleibt.
Und die Gemeinde wird nicht einfach zum neuen Israel. Israel bleibt laÒj,
während die Gemeinde das andere Volk œqnoj
ist, das Früchte trägt, wo das erwählte Volk versagt. Israel
sagt als ganzes Nein zu Jesus, behält aber dennoch seine Ehrentitel
(wie laÒj), die nicht auf die Gemeinde
übergehen. Mission wird auf die Völker ausgedehnt, gilt aber
wohl auch Israel (10,23; 11,28-30). Die Betonung der Gemeinde als Gemeinschaft,
die das Gesetz hält (Anpassung der Antithesen an erfüllbare
Alltagsforderungen, z.B. 5,23-26), soll die Gemeinde auch für Juden
attraktiv machen. Denn für Mt. wie für die Mehrzahl seiner jüdischen
Zeitgenossen ist das Gesetz die gute Gabe Gottes an Israel. Folglich wird
auch Jesus als Lehrer des Gesetzes dargestellt.
-
Die Christologie ist Grundlage der Ekklesiologie: Jesus er scheint
oft wie ein jüdischer Lehrer, der nur eine neue Interpretation bringt,
aber seine unerhörte Freiheit bei der Deutung (5,21-48) geht eben
weit über die Rolle des reinen Interpreten hinaus. Das "Erfüllen"
des Gesetzes geschieht nicht nur im Lehren, sondern im ganzen Verhalten
und Geschick Jesu; später auch seiner Jünger. Darum kann an Stelle
des Namens "Jesus" der Begriff der "Gerechtigkeit" treten (5,10), als
deren Inkarnation Jesus gelten kann. Mt. geht noch weiter und identifiziert
Jesus geradezu mit der Weisheit (11,19). Jesus, der als inkarnierte
Weisheit der Christus ist (Lk.11,49 -> Mt 23,34), kann einen für
die Weisheit typischer Ruf ergehen lassen (11,28-30). Insgesamt ergibt
sich damit eine Nähe zum joh. Logos, aber es findet sich keine
mythische Vorstellung einer personifizierten und präexistenten Weisheit
bei Mt. Die Fülle der Weisheit ist in Jesus Wirklichkeit geworden
(Weisheit und Gesetz werden in der jüd. Tradition schon lange gleichgesetzt
Sir.24,23; Bar.4,1). In Jesus ist demnach Gottes Gesetz Wirklichkeit geworden,
so dass es bis zum Ende bei seiner Gemeinde sein wird. Daraus folgt die
Ausbildung einer Weisheitschristologie. Weisheit wird dabei nicht
präexistent gesehen (wie etwa bei Paulus und Joh.), sondern im Blick
auf ihre Offenbarungstätigkeit als Repräsentantin des Willens
Gottes. "Die Ekklesiologie des Mt, die von einer das Gesetz wirklich erfüllenden
Gemeinde spricht, ist also zutiefst Christologie" (Schweizer,57). Nachfolge
ist dann Verkündigung (Prophetischer Zeugendienst der Jünger,
5,11-16). Jesus, der in geschichtlicher Vergangenheit gewirkt hat, behält
durch seine Jünger (Petrus als unumgängliches Bindeglied zwischen
der Lehre Jesu und der Tradition der Gemeinde), die ihm gehorsam leben,
aber auch von ihm als Erhöhten Schutz und Kraft (10,24f) empfangen,
Gegenwartsbedeutung. "Er bleibt lebendig in seiner Kirche, dort wo seine
Jüngerschar (...) in seiner Nachfolge das lehrt, was er ihr aufgetragen
hat, und sich unter die Macht seines Namens stellt" (Ed. Schweizer, 68).
| Zum Verhältnis von Eschatologie
und Ethik im Matthäus-Evangelium |
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Verhältnis Eschatologie - Ethik: Mt-Theologie ist nicht gesetzlich,
noch hat er eine Zwei-Stufen-Ethik. Zusage (z.B. Seligpreisungen) steht
vor Gesetzesforderung (siehe Bergpredigt). =>
Ähnlichkeit mit paulinischer Rechtfertigungslehre). Allerdings wird
bei Mt nicht wie bei Paulus die dikaiosÚnh
dem Menschen geschenkt. Doch entspricht der geschenkten dikaiosÚnh
strukturell die mt. Rede vom Himmelreich => basile…a
tîn oÙranîn bei Mt. und dikaiosÚnh
bei
Paulus meinen sachlich Entsprechendes, nämlich Gottes bedingungsloses
Heilshandeln.
Zur Bergpredigt siehe -> "Die Bergpredigt"
Literatur: Conzelmann/Lindemann AB,
S.250-259; Ed.Schweizer, Matthäus und seine Gemeinde, Stuttgart 1974,
darin: I. Christus und Gemeinde im Mt-Evang, S.9-68; W.G.Kümmel,
E.i.d.NT, S.73-92; G.Theißen, Lokalkolorit,
S.261-264.
Copyright: Matthias Kreplin, 2000
