Titel
| 1. Wer ist der Verfasser? |
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Die Echtheitsfrage ist für Kol. schwer zu beantworten. Folgende
Argumente werden für eine pseudepigraphe Entstehung vorgebracht:
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Es findet sich ein für Paulus untypischer Stil: Starke Ausdehnung
von Satzverbindungen (1,9-12), Verknüpfung sinnverwandter Substantive
(1,27), Häufung partizipialer Wendungen (liturgischer Stil 1,3-14;
2,12f). Doch ist es methodisch problematisch von einem Wandel im Stil auf
nicht-paulinische Verfasserschaft zu schließen, da ein Stilwandel
eines Autors (in der Antike) eine durchaus übliche Erscheinung ist.
- Andererseits gelingt Kümmel auch der Aufweis typisch paulinischer
Stilmerkmale (Worte des Paulus, die sich außer in Kol. nur noch in
anderen Paulusbriefen finden z.B. car…zesqai =
vergeben 2,13; 3,13 -> 2.Kor.2,7.10; 12,13; p©n
œrgon ¢gaqÒn 1,10 -> 2.Kor.9,8; 2.Th.2,17; etc.) und
Formeln ™n Crisù,
™n kur…J
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Wie in 1.Kor.12,12-27 und Röm.12,4f findet sich hier das Bild von
der Kirche als Leib Christi. Doch ist hier gegenüber 1.Kor.
und Röm. Christus als das Haupt des Leibes bezeichnet (1,18;
2,19). Auf jeden Fall findet sich hier eine Weiterentwicklung des Bildes,
wenn auch Christus in beiden Fällen als Makroanthropos gedacht wird.
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Ebenso ist "durchschnittliche Gemeindesoteriologie" stärker vertreten
("Vergebung der Sünden" 1,14; Sühnetod stärker betont 1,22).
Aber auch in anderen Briefen (vgl. Röm.1,3f) verwendet Paulus traditionelle
Formeln, die nicht seiner eigenen Theologie entspringen.
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Besonders auffällig ist jedoch die Umorientierung der Eschatologie:
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Sie ist nicht mehr primär auf die zeitliche Zukunft gerichtet, sondern
räumlich ausgerichtet (-> Blick zum Himmel: 1,5).
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Auch die Auferstehung wird bereits als gegenwärtig erfahren.
Dies zeigt sich in der mit Röm.6 verwandten, aber doch klar
unterschiedenen Ausführung 2,12f. Hier ist Mitbegrabensein und Mit-Auferstehung
in der Taufe bereits jetzt gegenwärtig vollzogen, während Röm.6
noch auf die Verwirklichung der Auferstehung wartet (Eph.2,5ff streicht
dann die Aussage vom Sterben ganz). Kümmel bestreitet aber einen wirklichen
Gegensatz. U.a. verweist er darauf, dass "auferweckt sein" (Kol.2,9) nicht
im Gegensatz zu Röm.6.8 "mit ihm leben werden" steht, weil Mitauferweckung
nur di¦ tÁj p…stewj gilt und das
Leben mit Christus in Gott verborgen ist (vgl.2,12; 3,3). Tatsäch
lich findet sich auch im Kol so etwas wie ein eschatologischer Vorbehalt,
der sich v.a. in den Paränesen äußert (z.B. 2,17+20; 3,1f;
1,23)
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Könnte Paulus einen Satz wie Kol.1,23 schreiben ("in der ganzen Schöpfung
unter dem Himmel wurde das Evangelium verkündet")?
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Umgekehrt ist aber schwer einzusehen, weshalb ein Pseudepigraph gerade
die Gefangenschaft des Paulus und die Korrespondenz so sehr
ausmalen sollte. Dies wäre nur sinnvoll, wenn die Erinnerung an Paulus
schon so undeutlich wären, dass niemand mehr die Fälschung erkennen
könnte.
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Die auffälligsten Besonderheiten des Kol finden sich gerade in nicht-polemischen
Stellen. Das Argument, dass Paulus seinen Gegnern entgegenkomme, um sie
auf ihrem eigenem Gebiet zu treffen, ist also eher unangebracht (1,9ff;
1,24-29; 2,6-15; 3,1ff).
Aus diesen Beobachtungen sind werden verschiedene Schlüsse gezogen:
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Conzelmann meint, dass Paulus nicht der Verfasser ist, aber ein Paulus
Nahestehender (Nähe zu Röm 6; Ekklesiologie), evt. ein direkter
Schüler.
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Kümmel sieht die Argumente, die eine Echtheit bestreiten, als nicht
überzeugend an und hält daher Kol. für einen echten Paulusbrief.
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Denkbar wäre weiterhin, dass ein Paulus-Schüler den Brief im
Auftrag des Paulus relativ eigenständig (vielleicht wegen der
Gefangenschaft des Paulus) entworfen und ihn dann Paulus zur Unterschrift
vorgelegt hat. Paulus wäre dann zwar mit dem Brief einverstanden gewesen,
auch wenn nicht alle Formulierungen bis ins Detail seiner Theologie entsprechen.
| 2. Die Adressaten des Briefes |
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Adressat des Kol. ist die Gemeinde in Kolossä. Kolossä ist
eine Stadt im Lykostal, in der Nähe von Laodicea und Hierapolis (4,13).
Die Gemeinden dort sind nicht von Paulus, sondern von Epaphras gegründet
(1,7; 2,1; 4,12). Der Zusammenhalt unter den Gemeinden (es wird noch Laodizea
genannt; 4,15) war wohl so groß, dass sie aufgefordert werden
konnten, ihre Briefe untereinander auszutauschen (4,16). Kolossä war
wohl ein unbedeutender Flecken. Aus der Gemeinde ist noch Philemon
und sein Sklave Onesimus näher bekannt (vgl. Phm.). Die Gemeinde
bestand wohl überwiegend aus Heidenchristen (2,13; 1,21).
| 3. Abfassungsort und -zeit |
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Kol. ist wohl auch in Gefangenschaft geschrieben (4,3+10+18),
theoretisch ist - paulinische Urheberschaft vorausgesetzt - eine Abfassung
in Ephesus, Cäsaräa oder Rom möglich. Auch in diesem Fall
ist eine genauere zeitliche Einordnung nur schwer möglich. Folgende
Überlegungen werden vorgetragen:
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Als in Ephesus entstanden gibt der markionitische Prolog zu Kol.
diesen Brief aus. Dies ist von der räumlichen Entfernung am ehesten
denkbar. Allerdings ist wohl doch eine Entwicklung zw. 1./2.Kor. sowie
Gal. und Kol anzunehmen, was gegen eine Abfassung in Ephesus spricht. Gegen
Ephesus spricht auch, dass Markus als Begleiter des Paulus erwähnt
wird, der ja schon auf der "zweiten Missionsreise" nicht mehr mit Paulus
zog.
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Die Namensangaben sind theoretisch auch für Cäsaräa und
Rom denkbar, doch ist die große Liste der Grüßenden
eher in der großen Gemeinde in Rom denkbar. Dagegen spricht aber
wieder die große Entfernung.
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Vielleicht wurde der Brief zusammen mit dem Phm.-Brief v. Onesimus (4,9)
nach Kolossä gebracht. Aber dafür spricht nur, dass Onesimus
wohl nicht zweimal zu Paulus kam. Für die Datierung ist allerdings
damit nichts gewonnen.
| 4. Die Position der theologischen
Gegner |
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Die theologische Front des Kol. ist nur undeutlich zu erkennen: Auch
2,16-23 lassen sich nur geringe Rückschlüsse auf die Lehre
der Gegner zu: Offensichtlich kannte sie eine Verehrung der Weltelemente
als personale Wesen (Dämonen, Mächte), die Elemente des kosmischen
Christus seien. Daraus leiteten sie kultische Verpflichtungen verschiedenster
Art ab (Feier kosmisch-zyklischer Festtage, Einhaltung gewisser Speisevorschriften,
Verehrung der Engel. Sie berufen sich dabei auf gewisse Weihen (Visionen).
Dieses Konglomerat ist ausgesprochen synkretistisch. Eine Einordnung
in einen gnostischen Hintergrund ist rein spekulativ. Sicher findet sich
auch ein stark jüdischer Einschlag. Ihre Lehre wird in 2,8 als
filosof…a bezeichnet, doch steht dieser Begriff in der Spätantike
auch für verschiedene Religions- und Mythenlehren. Gegen diese Lehre
betont der Verfasser des Kol. die Freiheit der Christen von Mächten
und damit auch von ihrer kultischen Verehrung. Zugleich mahnt er die Christen
zur Liebe untereinander. Nicht die in der Meditation erstiegene
Überwelt, sondern die Erde ist der Ort christlicher Existenz. Hier
muss sich christliches Leben in der Liebe bewähren. Kol. bleibt hier
also zentral paulinisch. Ferner wird die Christologie und Soteriologie
so entfaltet, dass stark an hellenistische Vorstellungen angeknüpft
wird und von dort aus eine Abwehr der Irrlehre möglich ist.
Die Gliederung ist recht übersichtlich:
1,1-11 Präskript und Proömium
1,12-29 Christus als Schöpfer und Versöhner
2,1-23 Polemik gegen Irrlehrer
3,1-4,6 Paränese
4,7-18 Korrespondenz und Grüße
Im wesentlichen findet sich also die Zweiteilung Lehre-Paränese.
Besonderheiten finden sich v.a. in den vom Autor übernommenen Stücken:
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1,13f: Bekenntnisformel (Die Vorstellung, dass Christen in Reich
des Sohnes versetzt sind und die Wendung ¥fesij
¡mart…wn sind unpaulinisch).
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1,15-20: Christushymnus. Christus wird hier als "Bild" (e„kèn)
Gottes (vgl. 2.Kor.4,4) zu einer Hypostase (= Personifizierung einer Eigenschaft,
ähnlich der atl.-jüd. Weisheit). Heil wird hier als Weltversöhnung
gedacht. Der Erlöser ist zugleich als Schöpfungsmittler und damit
Herr über alle Mächte der Schöpfung, der Kosmos sein Leib
(vom Verfasser auf die Kirche umgedeutet).
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Interessant ist auch die Paränese. Sie setzt mit einer Paradoxie
ein: Die Christen sind auferweckt, deshalb gerade sollen sie suchen,
was "droben im Himmel" ist (3,1f).
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Die Tugend- und Lasterkataloge (3,5+8+12f), mit denen diese Mahnung illustriert
wird, enthalten beide je fünf Glieder, ein auch in der iranischen
Religion begegnendes Schema. Dort findet sich auch der Gedanke, dass
Laster und Tugenden zu den Gliedern des Menschen werden (Nähe zum
Bild vom alten und neuen Menschen?).
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Die Haustafel (3,18-4,1; vgl.Eph.5,22-6,9; 1,Petr.2,18-3,7) ist
nicht spezifisch christlich und stammt v.a. aus der Ethik der Popularphilosophie.
Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arbeitsbuch
zum Neuen Testament, S.250-255; W.G.Kümmel,
Einleitung in das Neue Testament, S.294-305
Copyright: Matthias Kreplin, 2000
