Der Brief an die Gemeinde in Ephesus
| 1. Der Autor des Epheserbriefes |
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Allgemein wird die Echtheit des Eph. bezweifelt. Gegen die Annahme,
Eph. sei von Paulus verfasst, sprechen formale Beobachtungen, aber vor
allem inhaltliche Unterschiede zu den echten Paulusbriefen:
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Aus 1,15f und 3,2 lässt sich evt. schließen, dass der Verfasser
die Gemeinde in Ephesus nicht zu kennen scheint. Paulus aber war
Gründer der Gemeinde in Ephesus und war lange Zeit dort gewesen.
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Es fehlt jede Korrespondenz und v.a. gibt es keine Grüße. Die
einzige Stelle, wo Personennamen genannt werden (6,21f) stimmt wörtlich
mit Kol.4,7f überein.
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Die Ekklesiologie stellt die Kirche als kosmische Einheit
dar (1,22f): Die Kirche als Leib Christi mit Christus als Haupt ragt in
den Himmel.
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Als Charismen werden nur Verkündigungs- und Leitungsämtern genannt
(4,11f)
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Die Paränese basiert weniger auf Rechtfertigung als auf der Zugehörigkeit
zur Kirche (z.B. 4,15f; 5,23).
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Die Christen sind bereits auferstanden (2,4f). Eine futurische Eschatologie
(Parusieerwartung) begegnet nicht.
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Der Kreuzestod tritt nur noch in traditionellen Formeln auf.
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Die Wertung der Ehe als Abbild des Verhältnisses Christus-Kirche
(5,21-33) widerspricht 1.Kor.7, wo die Ehe ("als notwendiges Übel")
zugestanden wird.
Gelegentlich wird versucht, Eph. als Alterswerk des Paulus zu verstehen.
Doch halten die meisten Autoren Eph für eine pseudepigraphe Schrift.
Der Verfasser scheint ein Judenchrist gewesen zu sein (2,11+17).
Dafür spricht auch das semitisierende Griechisch. Pseudepigraphe Schriften
waren gerade in der Zeit des Hellenismus weit verbreitet, wie auch im frühen
Christentum (Jeremias-, Aristeasbrief). Die entscheidende Voraussetzung
für NT-Pseudepigraphie ist die Setzung des Apostolischen als Norm.
Durch die literarische Fiktion bringen pseyudepigraphische Verfasser apostolische
Autorität ins Spiel.
| 2. Die literarische Abhängigkeit
vom Kolosserbrief |
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Zwischen Eph. und Kol. bestehen zahlreiche Berührungspunkte. Für
eine literarische Abhängigkeit sprechen die Übereinstimmungen
zwischen:
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Eph.1,1/Kol.1,1 (Präskript).
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Eph.6,21f/Kol.4,7f (Empfehlung des Tychikos).
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Eph.1,15f/Kol.1,4+9 (Dank für den Glauben der Gemeinde).
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Eph.1,7+20f/Kol.1,14ff+20 (soteriolog. Formeln - diese Übereinstimmung
könnte jedoch auch durch Rückgriff auf Tradition erklärt
werden).
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Eph.3,2ff/Kol.1,24ff (Das must»rion von
der Gültigkeit der Verheißung auch für die Heiden).
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Eph.4,16/Kol.2,19 (Christus als Haupt der Gemeinde, der sie durch die Gelenke
zusammenhält).
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Eph.4,17-5,20/Kol.3,1-17 (Ablegen des alten und Anziehen des neuen Menschen;
illustriert v.a. an "Mundsünden").
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Eph.5,21-6,9/Kol.3,18-4,1 (Haustafeln, in Eph ausgeweitet).
Doch gibt es auch Bedeutungsverschiebungen zw. Kol. und Eph.:
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o„konom…a wird in Kol.1,25 (vgl. 1.Kor.4,1) als
Beauftragung mit der Predigt vom Christusgeheimnis verstanden, währen
Eph.3,2 damit den Heilsplan Gottes bezeichnet.
Dennoch ist von einer literarischen Abhängigkeit auszugehen. Kol.
hat dabei die zeitliche Priorität vor Eph., denn
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er wendet sich an konkrete, einzelne Gemeinde.
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in Eph. ist aktueller Anlass nicht zu erkennen.
Eph. gilt darum als aufs "Grundsätzliche" bezogene Überarbeitung
des Kol.
| 3. Die Adressaten des Epheserbriefes |
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Eph. hat in den ältesten Handschriften (P46, ),
B) keinen Adressaten, in 1,1 fehlt das ™n 'EfšsJ.
Dies lässt sich auf verschiedene Weise erklären:
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Der Brief enthielt ursprünglich nicht die Adresse Ephesus und war
also gar nicht nach Ephesus gerichtet. Manche vermuten auf ein Zirkularschreiben,
das an mehrere Gemeinden gerichtet war (Frage, warum ist dann nur Ephesus
als Adressat überliefert?).
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Die Adresse könnte auch fehlen, weil Eph. eigentlich ein Traktat und
kein an eine konkrete Gemeinde gerichteter Brief ist (So Kümmel, der
Eph. für ein geistliches Testament des späten Paulus an die ganze
Kirche hält).
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Der Brief war ursprünglich nach Ephesus adressiert (allerdings vielleicht
eine fiktive Adresse eine Paulusschülers, der meinte, dass es auch
einen Brief an die so wichtige Gemeinde geben musste).
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Der Adressat ist ausgefallen
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aufgrund eines Versehens.
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aufgrund einer bewußten Streichung (Warum? War die Pseudepigraphität
aufgefallen? Wollte jemand Ephesus um die Ehre bringen, Empfänger
eines Paulusbriefes zu sein?).
Die Frage ist schwer zu entscheiden.
Ephesus, die größte Stadt Kleinasiens, war mehrere
Jahre das Missionszentrum des Paulus in Kleinasien. Die Gemeinde
dort ist wohl von Paulus gegründet worden (Act.18,19ff; 19,1+8ff).
Hier schrieb er wichtige Briefe und verbrachte lange Zeit dort.
Die Leser werden als Heidenchristen angesprochen (2,1ff; 3,1;
4,17).
| 4. Abfassungsort und -zeit |
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Abfassungsort und -zeit sind nicht zu ermitteln. Da Ignatius von
Antiochien den Eph. kennt, ergibt sich das 1.Jahrzehnt des 2.Jhdts.
als untere Grenze. Eph scheint die anderen Paulusbriefe gut zu kennen,
deshalb liegt seine Abfassung nach Kümmel wahrscheinlich zw. 80
und 100. Eph. gibt sich wie Kol. und Phil. als Gefangenschaftsbrief
(3,1; 4,1; 6,20).
Die Nähe zu Kol. zeigt sich bis in die Gliederung hinein:
Beide Briefe haben einen parallelen Aufbau:
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Eph.1-3
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Lehre
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Kol.1-2
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Eph.4-6
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Paränese
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Kol.3-4
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| 6. Religionsgeschichtliche Hintergründe |
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Die dualistische Kampfethik (6,10ff; Anziehen der Waffenrüstung
Gottes) erinnert zunächst am Qumran.
Umstritten ist die religionsgeschichtliche Einordnung, denn Eph.
scheint ein gegenüber dem traditionellen dreistöckigen Weltbild
eine veränderte Kosmologie zu besitzen: Die Welt ist im Prinzip
zweigeteilt: Unten ist Erde, darüber sind "die Himmel" in mehreren
Zonen: unten finden sich Teufel und "Luftgeister" (2,2), die Menschen ragen
hier hinein; darüber stehen Gott und Christus als Herr über alle
Mächte und als Haupt der bis in den Himmel ragenden Kirche (1,21-23).
Die Christen als Menschen "in Christus" sind dem Teufel entzogen
und befinden sich auch im Himmel (2,3-6).Sie sind zwar den Angriffen der
Mächte zwar noch ausgesetzt, aber sie sind des Sieges gewiß
(6,10ff). Es gibt Ähnlichkeiten zu gnostischem Weltbild, doch
ist dort zusätzlich eine "Mauer" zwischen unterem und oberem Himmel
konstitutiv. Nur der Gnostiker vermag sie mit Hilfe des Erlösers zu
überwinden.
Es ist umstritten, ob 2,14, wo von einer trennenden Wand zwischen
den beiden Teilen gesprochen wird, von daher zu verstehen ist. Folgende
Möglichkeiten bieten sich an:
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Die Trennwand ist die horizontal verlaufende Trennung zwischen Juden und
Heiden (dies legt 2,11f, wo von Beschneidung und Israel die Rede ist, und
2,15, wo von der Aufhebung des Gesetzes gesprochen wird, nahe; vgl. auch
3,1ff).
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Die Trennwand ist die vertikal verlaufende Scheidung zwischen unterem Himmel
und oberem Himmel (dies legt die Rede von fern und nah in 2,13 nahe).
| 7. Hauptthemen des Epheserbriefes |
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Folgende theologischen Hauptthemen werden in Eph. behandelt:
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Ekklesiologie. Immer wenn der Verfasser auf das Heilsgeschehen Bezug
nimmt, erwähnt er die Kirche (1,22f; 2,14-18; 3,5.9f; 4,4ff; 5,25f).
Mit ™kklhs…a meint Eph. die universale Kirche,
deren Stützen Apostel und Propheten sind (2,20), denn nicht alle Christen
sind Empfänger der Offenbarung (3,5). Die Kirche erscheint sogar als
Mittlerin der göttlichen Weisheit gegenüber den kosmischen
Mächten (3,10).
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Die Christologie könnte gnostisch beeinflusst sein: Christus
sammelt als himmlischer Mensch die Seinen und führt sie in seinem
Leib zu sich selbst empor (4,10; 2,15; 4,13; 4,7-11; 2,4ff). Kein geschichtlicher
Aspekt des Heilsgeschehens. Theologie des Kreuzes und futurische Eschatologie
spielen keine Rolle mehr.
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Die Anthropologie betont v.a. die bereits realisierte Erlösung:
Die Christen sind nicht wirklich der Welt ausgesetzt, sondern sind in Christus
dem Einfluss der Mächte entzogen (2,7). Geschützt durch Waffen
Gottes ist Sieg der errungen (6,10ff). Die Paränese beruht nicht auf
Rechtfertigung, sondern auf Zugehörigkeit des Christen zur Kirche
(Leib Gottes ragt in den Himmel. Von daher ist Existenz der Christen durch
ihre bereits geschehene Himmelfahrt bestimmt 2,5ff).
Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arbeitsbuch
zum Neuen Testament, S.256-261; Kümmel,
Einleitung in das Neue Testament, S.308-323
Copyright: Matthias Kreplin, 2000
