Der 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessalonike
 
 
1. Literarkritische Fragen
2. Die Adressaten
3. Abfassungsort- und zeit
4. Anlass zur Abfassung
5. Aufbau
6. Wichtige Aussagen



 
1. Literarkritische Fragen

Literarkritische Operationen werden gelegentlich damit begründet, dass 2,13 ein zweites Proömium wäre. Doch ist der erneute Einsatz mit einem zweiten eÙcaristoàmen (vgl. 1,2) durchaus denkbar. Für zwei Briefe fehlt ferner der Wechsel zwischen zwei verschiedenen Situationen.

Die Echtheit von 1.Th ist allgemein anerkannt.
 
 
2. Die Adressaten

Adressat des Briefes war die Gemeinde in Thessalonike.  Thessalonike (Thessalonich) war die Hauptstadt der Provinz Mazedonien und lag an der großen Heerstraße, die Rom mit d. Osten verband (-> volkreiche Stadt). Um 49 hat Paulus auf der sog. "Zweiten Missonsreise" die Gemeinde gegründet. Die Gemeinde ist fast ganz heidenchristlich zusammengesetzt (1,9; 2,14). Dies stimmt auch mit dem Bericht aus Act. zusammen, der von starken Auseinandersetzungen mit dem thessalonicher Judentum berichten.
 
 
3. Abfassungsort- und zeit

Abfassungsort und -zeit sind durch den Vergleich mit Act.17f zu ermitteln. Nach 1.Th.1,1 sind Silvanus (=Silas von Act.) und Timotheus noch bei Paulus; 1,5-9 setzt voraus, dass Paulus einige Zeit zuvor in Thessalonike gewirkt hat (Kümmel betont, dass der Brief vielfach von Anspielungen auf das erste missionarische Wirken des Paulus durchzogen ist und die Beziehung des Paulus zur Gemeinde nach noch nicht allzu langer Abwesenheit ausdrückt; vgl. 1,5+9; 2,2+8f+12 etc.). Diese Wirkung (nach 2,2 im Anschluss an die Tätigkeit in Philippi; vgl. Act.16,11ff) war nach Act.17 durch einen Aufruhr der Juden recht abrupt abgebrochen worden. Paulus musste nach Beröa fliehen (nach Act. allein, nach 1.Th mit Timotheus und Silvanus), wo ihm die thessalonicher Juden immer noch nachstellten. Paulus zog deshalb weiter nach Athen. Aus 1.Th.3,1-6 ist zu entnehmen, dass Paulus den Timotheus von Athen aus nach Thessalonich gesandt hatte, Timotheus aber inzwischen wieder zu Paulus zurückgekommen ist. Nach Act.18,1ff war Paulus inzwischen von Athen aus nach Korinth aufgebrochen und trifft Timotheus und Sil(v)a(nu)s in Korinth wieder (Act.18,5). Da nach 3,6 die Rückkehr des Timotheus nicht lange zurückliegen kann, nach Act.18,18 Paulus aber einige Zeit in Korinth blieb, wurde 1.Th. beim ersten Aufenthalt des Paulus in Korinth (zw. Winter 49 und Sommer 52) geschrieben (Für Korinth spricht auch d. Nennung von Achaia 1,7). 1.Th. muss damit der älteste erhaltene Paulusbrief sein, da er bereits auf der "zweiten Missionsreise" und noch vor 1./2.Kor. entstanden sein muss, die Paulus erst nach seinem Aufenthalt in Korinth geschrieben hat.
 
 
4. Anlass zur Abfassung

Die Auseinandersetzungen im 1.Th sind wohl immer noch durch die Polemik der Juden gegen das Christentum bestimmt (2,14-16). Die junge Gemeinde in Thessalonich muss sich und ihren Apostel Paulus verteidigen. So wird Paulus vorgeworfen,

Kümmel (222f) vermutet, die Juden in Thessalonich hätten behauptet, Paulus sei ein go»j ein lügnerischer Zauberer. Äußerlich glich ja sein Auftreten dem der damaligen Wanderphilosophen und Goeten, die wirklich von ihrem Gewerbe lebten. Paulus betont dagegen, wie selbstlos er sich für die Gemeinde eingesetzt habe (2,1-12), und dass er ihr (auch nicht finanziell) zur Last gefallen ist. Paulus hebt hervor, dass er keinen Lebensunterhalt von der Gemeinde bezieht (2,9).

Ferner muss Paulus nun wohl auf Anfragen der Gemeinde betreffs des Schicksals der Toten und der Parusie antworten (4,13 und 5,1 eingeleitet mit per…). Nachdem einige Gemeindeglieder gestorben sind, entsteht die Frage, ob die Parusie ausbleibe bzw. was mit den Verstorbenen bei der Parusie geschehe.

Das Verhältnis zur Gemeinde scheint sehr gut zu sein. Paulus lobt den Glauben der Gemeindeglieder und Dank für ihre vorbildhafte Glaubensbereitschaft (1,2-10; 2,13).
 
 
5. Aufbau

Die Gliederung ist relativ klar:
1,1-10 Präskript, Proömium (Dank für vorbildliche Annahme des Glaubens) - Doch geht das Proömium evt. auch bis 2,13ff
2,1-3,13 Korrespondenz (Erinnerung an früheren Aufenthalt und die Sendung des Timotheus)
4,1-12 Allgemeine Paränese
4,13-5,11 Eschatologische Belehrungen (Geschick der vor der Parusie Entschlafenen; die Plötzlichkeit der Parusie -> Mahnung zur Wachsamkeit)
5,12-22 Einzelanweisungen für das Gemeindeleben
5,23-28 Segenswünsche, Grüße (Postskript)
 
 
6. Wichtige Aussagen



Literatur: Conzelmann/Lindemann, Arebeitsbuch zum Neuen Testament, S.206-211; Kümmel, Einleitung in das Neue Testament, S.219-226.



Copyright: Matthias Kreplin, 2000